GESANDTE
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geleistet hatte, schrieb mir: „Sie wollen es verzeihlich finden und mir ge-statten, daß ich als alter langgedienter Diplomat mich für kompetent halte,mir über die äußere Politik ein Urteil zu bilden. Da finde ich dann nichtWorte genug, um das tiefe und schmerzliche Bedauern auszusprechen,welches ich bei der Nachricht von dem Rücktritt Eurer Durchlaucht vonIhrem verantwortungsvollen Amt empfunden habe, der gerade in einerZeit erfolgt, in welcher es Eurer Durchlaucht gelungen war, das Prestigedes Deutschen Reichs in einer Weise zu heben, die ihren Ausdruck in deman Furcht grenzenden Respekt findet, welchen Deutschland seit BismarcksZeiten zum erstenmal wieder den Weltmächten einflößt." Vom rechtenTiberufer schrieb mein langjähriger ausgezeichneter Mitarbeiter, in derBismarckschen Zeit Dezernent im Auswärtigen Amt , später Unterstaats-sekretär, jetzt preußischer Gesandter beim Vatikan , Herr von Mühlberg, Herrmeiner Frau: „Ich weiß nicht, soll ich mich freuen oder soll ich traurig »• Mühlbergsein. ,Die Wollust der Kreatur ist gemischt mit Bitterkeit', singt Waltervon der Vogelweide, dessen freundliches Denkmal uns Deutsche auf dempittoresken Marktplatz in Bozen so heiter begrüßt. Freuen tue ich mich,Sie in nicht allzu langer Zeit hier in Rom zu sehen. Allein diese etwas egoisti-sche Freude ist doch recht ernstlich getrübt durch das tiefe Bedauern undeine gewisse patriotische Beklemmung, die der Rücktritt des Fürsten in mirnicht ruhen läßt. Diese Beunruhigung machte sich noch stärker fühlbar, alsich heut morgen in den Zeitungen die Veränderungen und die Ernennungenlas, die das Scheiden des Fürsten zur Folge hatte. Was soll denn aus derganzen Sache werden, und wo steuern wir hin ? Durch sämtliche italienischeZeitungen geht nur ein Schrei des Bedauerns. Auch der Papst sprach mirheute morgen seine Enttäuschung und etwas Verwunderung aus. Korre-spondenzen aus Deutschland , die mir zugegangen waren, hatten mir seitMonaten keinen Zweifel mehr gelassen über die Minierarbeit gegen denFürsten. Muß ich das Ausscheiden des Fürsten für einen schweren Ver-lust für unser gesamtes Vaterland und dessen Ansehen im Auslande halten,so trifft es mich persönlich auch schwer. Denn ich weiß, daß ich oben einenFreund verloren habe, dem ich vieles, wenn nicht alles in den letzten Jahrenmeiner amtlichen Laufbahn zu verdanken habe, und ich bitte Sie, verehrteFürstin, dies Seiner Durchlaucht zu sagen."
Der frühere sächsische Gesandte in Berlin , spätere sächsische Minister-präsident, Graf Wilhelm Hohenthal , telegraphierte mir: „Ich beklage es Graftief, daß Euer Durchlaucht gezwungen worden sind, Ihre kostbare Kraft Hohenthaldem Dienste des Vaterlandes vorzeitig zu entziehen." Die Gräfin Hohenthalschrieb meiner Frau, indem sie auf das Schicksal meines größten Vorgängershinwies: „Sie persönlich sind vielleicht froh, den Fürsten von der auf-reibenden Tätigkeit befreit zu wissen; wir andern hätten gewünscht, daß