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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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MEHNERT

Anzug. Die Konservative Partei hat in ihrem Verhalten beim Sturz desFürsten Bülow aber auch den Beweis geliefert, wie das parlamentarischeTreiben imstande ist, die Blicke in die Enge zu bannen, über die großenZüge einer politischen Lage wegzutäuschen, nach kleinen Vorteilenschnappen zu lassen und die Existenz zu riskieren."

Der streng konservative Führer der sächsischen Konservativen undDr. Mehnert Präsident der Zweiten Sächsischen Kammer, Dr. Mehnert, schrieb:Eure Durchlaucht wollen auch mir gestatten, daß ich am heutigen Tagemeinem tiefsten und aufrichtigsten Bedauern Ausdruck gebe, daß EureDurchlaucht von der Leitung der Geschäfte des Reichs zurücktreten. Esist für mich ein unsagbar schmerzliches Gefühl, den hochverehrten Mannvon der Stellung scheiden zu sehen, in der er so unendlich viel und so wahr-haft Großes für des Reiches Ansehen, für des Reiches Wohl und Förderunggetan hat. Es erscheint mir noch nicht möglich, mir vorstellen zu können,wie künftig die Geschicke unseres großen Vaterlandes sich entwickelnsollen. Die Person des Fürsten Bülow ist für mich zu sehr mit der Leitungder Geschäfte im Innern wie im Äußern verbunden und verkettet, als daßich mir ohne dieselbe deren gedeihliche Fortsetzung denken könnte. SeitBismarcks Zeiten hat niemand zur Hebung vaterländischer Gesinnung soviel getan und beigetragen wie Eure Durchlaucht seit Bismarcks Zeitenhat den deutschen Namen niemand so hochgehoben in der Welt, niemandso achtunggebietend gefestigt wie Eure Durchlaucht insonderheit zu-letzt noch durch die glänzende Aktion unserer auswärtigen Politik indiesem Frühjahr! Möchte ein gütiges Geschick es fügen, daß Eure Durch-laucht nicht für immer scheiden."

Aus den Kreisen der Sozialreformer schrieb mir Professor Dr. E.Professor Francke:Im Namen vieler Freunde und Gesinnungsgenossen wollenE. Francke E ure Durchlaucht einem Mann, der still und bescheiden versucht hat, seinePflicht als nationaler und überaler Publizist sowie als Sozialpolitiker zutun, gestatten, seinem tiefsten Schmerz Ausdruck zu geben, daß jetzt einReichskanzler sein Amt verläßt, der zwölf Jahre hindurch der Wohlfahrtdes Reichs mit ruhmvollem Erfolge gedient hat. Seit Jahrzehnten hatDeutschland vor der Welt nicht mit solchen Ehren und solcher Machtgestanden wie heute. Niemals hat unser Volk in Stadt und Land Zeitenstärkerer wirtschaftlicher Blüte gesehen. Der Liberalismus, die freie Ge-sinnung begannen neu zu hoffen, als Eure Durchlaucht den Druck derZentrumspartei und der Sozialdemokratie brachen. Und wir Sozial-reformer wußten es und freuten uns dessen, daß der vierte Kanzler desReichs ein Herz für die Armen und Bedrückten und eine bereite Hand fürdie Strebenden und Kämpfenden hatte. Mit Eurer Durchlaucht Scheidenvom Amt werden viele und teure Hoffnungen vernichtet."