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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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OERTEL FRIEDRICH DERNBURG

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Landwirte. Er war berühmt durch seine schlagfertige Beredsamkeit wiedurch seinen Humor, den er in seinen Reichstagsreden, in seinen Zeitungs-artikeln und auch im persönlichen Verkehr zeigte. Er war noch berühmterdurch die immer von ihm getragene weiße Weste, die geradezu den Zeichen-stift der Karikaturisten herausforderte, zumal sie sich über einem außer-ordentlich dicken Bauch spannte. Oertel war ein Kur- und Ursachse undverbarg wie mancher seiner engeren Landsleute unter einer harmlos-gut-mütigen Außenseite nicht wenig Schlauheit. Er war mir ebenso wie GrafRoon persönlich treu ergeben. Es war ehrlich, wenn er mir schrieb, daß meinAusscheiden aus dem Amt die schwerste und schmerzlichste Erfahrungseines politischen Lebens seit dem Rücktritt Bismarcks wäre. Aber er fand,daß ich in der Erbschaftssteuer an die Agrarier eine Zumutung gestellthätte, die zu erfüllen sie aus sachlichen Gründen außerstande gewesenwären. Wenn ich diesen Standpunkt nicht gelten lassen konnte, so verkannteich nicht die freundliche Gesinnung, in der Oertel mir schrieb, daß es eineder schönsten Erinnerungen seines Lebens sein würde, im persönlichenVerkehr mit mir gestanden zu haben, und daß er für das ihm von mir zuteilgewordene Wohlwollen immer treue Dankbarkeit bewahren würde. Daswar keine leere Phrase. Ich bin Oertel öfter wieder begegnet, und unserepersönlichen Beziehungen blieben die besten.

Es würde zu weit führen, die Briefe wiederzugeben, in denen ich dieAusführungen meiner konservativen Freunde eingehend widerlegte. Wasich selbst schrieb, war übrigens kaum so schlagend wie der Aufsatz, den einfreisinniger Publizist, ein Schriftsteller, der durch Geist und Weite desGesichtskreises sich über die Schablone erhob, Friedrich Dernburg , Friedrichder Vater des Kolonialsekretärs Bernhard Dernburg , zwei Jahre nach Dernburgmeinem Rücktritt, als ich schon von der Villa Malta auf die Siebenhügel-stadt blickte, imBerliner Tageblatt" über den Ausgang meiner Reichs-kanzlertätigkeit veröffentlichte. Es hieß in diesem Artikel:Wer die poli-tische Laufbahn des Fürsten Bülow unbefangen in das Auge faßt, der wirdzugeben müssen: Der Staatsmann, der auf seinen Leichenstein geschriebenhaben wollte: Hier hegt ein agrarischer Reichskanzler, war sich immer treugebheben. Fürst Bülow wollte die Konservativen auf neue und haltbareGrundlagen stellen. Er wollte sie vor sich selbst retten. Er hat hierbei einenweit voraussehenden Blick, Kühnheit und Entschlossenheit zum Handelngezeigt. Nie ist einem Staatsmann mit größerer Undankbarkeit gelohntworden als dem Fürsten Bülow von seinen Standes- und Parteigenossen.An ihrer Kurzsichtigkeit und Eigensucht ist der Plan gescheitert, er istnicht einmal verstanden worden, und man begreift die zornige Verachtung,mit der Fürst Bülow ihnen das Wort zuschleuderte, das seiner Einlösungentgegengeht: Bei Philippi sehen wir uns wieder. Dies Philippi ist im

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