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EIN RECHTSKONSERVATIVER
Ihrer Abreise so vortrefflich für Ordnung gesorgt, daß es mir wie sehrvielen andern nicht gelungen ist, Euer Durchlaucht auch nur zu sehen.Euer Durchlaucht verlassen den ersten Platz im Reiche, betrauert von allenUrteilsfähigen der Nation, aber unvergessen."
Die auf dem Lehrter Bahnhof getroffenen Absperrungsmaßnahmen waren,wie ich vertraulich hörte, auf direkte Weisung des Kaisers erfolgt, der zueinem seiner Adjutanten äußerte: „Ministerwechsel haben sich im stülenzu vollziehen, da sie wenig Bedeutung haben und das Publikum gar nichtsangehen."
Meine früheren und langjährigen Anhänger konservativer RichtungGraf waren bemüht, die Schuld an dem zwischen uns eingetretenen Bruch vonWaldemar s i cn aß un( j m i r zuzuwälzen. Zu den störrischsten Führern der Konserva-Roon tiven gehörte Graf Waldemar Roon, der älteste Sohn des KriegsministersAlbrecht von Roon. Dieser war einer der ausgezeichnetsten Männer ge-wesen, die der preußische Staat hervorgebracht hat, ein Mann, der seinenNamen mit unvergänglichen Lettern in die deutsche Geschichte eingetragenhat. Albrecht von Roon war der ruhmvolle Waffenschmied für die Siegevon 1864, 1866, 1870. Der Sohn glich dem Vater in Lauterkeit der Gesin-nung wie in fester, tiefer Vaterlandshebe, aber er war unnachgiebiger under war nicht so begabt. Er warf mir vor, daß ich mich mit der ,,so gänzlichunzuverlässigen" und in ihrer politischen Brauchbarkeit von mir über-schätzten Nationalliberalen Partei zu tief eingelassen hätte. Ich hätte es wieder pommersche Bauer gemacht, der dem guten Hund einen Knochen gab,dem bösen aber zwei. Das heißt, ich hätte die Liberalen auf Kosten derKonservativen bevorzugt. Ich war oft anderer Meinung als WaldemarRoon, ernstlich böse sein konnte ich ihm nicht. Als der Weltkrieg ausbrach,stellte er sechs Söhne ins Feld. Drei von ihnen besiegelten ihre Treue fürKönig und Vaterland mit dem Tod. Die Mutter, eine Blankenburg aus dembekannten pommerschen Hause, mit dem Bismarck von Jugend auf be-freundet war und in dem er für sein Leben, insbesondere für seine religiösenAnschauungen entscheidende Eindrücke empfing, starb an gebrochenemHerzen. Roon selbst mußte noch das schreckliche Ende des Krieges er-leben. Nicht lange vor seinem im März 1919 erfolgten Tode erhielt ich einenBrief von ihm, der mit den Worten schloß: „Dies ist wohl das letzte Lebens-zeichen, das Sie erhalten werden von Ihrem bis in den Tod betrübten altenund treuen Freunde Waldemar Roon. "
Für Männer wie Graf Waldemar Roon habe ich trotz aller Meinungs-Oertel Verschiedenheiten über politische Taktik stets tiefe Achtung und warmeSympathie empfunden. Sehr verschieden von Waldemar Roon war derLeiter der agrarischen „Deutschen Tageszeitung", der Reichstagsab-geordnete Georg Oertel, der populärste von den Führern des Bundes der