EIN BANKIER
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allmählich durchsetzt. Zweitens: Vor zehn Jahren war es wilde Utopie,von einer positiven Mitarbeit der Sozialdemokratie an unserem monarchi-schen Staatswesen zu träumen. Dem ,Praktiker' lag alles Heil in gewalt-samer Unterdrückung. Wenn heute die friedliche Hineinarbeitung derArbeiterbewegung in unser Staatswesen uns als fernes, aber nicht mehrunerreichbares Ziel vorschwebt, so verdanken wir das nicht zum wenigstender geschickten Behandlung dieses Problems durch Euer Durchlaucht. Siehaben durch eine gerechte Behandlung — zuletzt Reichsvereinsgesetz —die Sozialrevolutionäre Verbitterung gemildert. Sie haben nicht minderdurch wohlangebrachten Spott der Sozialdemokratie die Maske des ,wildenMannes' entrissen, durch welche sie dem deutschen Philister bleichenSchrecken einjagte, sich selbst aber in ein Gefühl der Stärke hineintäuschte,das sie der Gegenwartsarbeit — der Kunst der Kompromisse — ent-fremdete. Drittens: Vor einem Jahrzehnt schien es wilde Utopie, die agrareBasis der deutschen Nation, welcher überseeische Siedlungsgebiete versagtsind, innerhalb der Reichsgrenzen vorschieben zu wollen. Vielmehr schiender ganze Osten unseres Reichsgebietes und damit die WeltstellungDeutschlands überhaupt durch eine unaufhaltsam vordringende polnischeWelle auf das schwerste bedroht. Euer Durchlaucht haben das Verdienst,die ostelbische Ansiedlungsfrage als die wichtigste Daseinsfrage unsererinnerdeutschen Politik erfaßt, bekannt und gefördert zu haben. Heute istes nicht mehr Utopie, sondern eine praktisch zu bearbeitende Aufgabe,den national gefährdeten Osten unserer Monarchie mit deutschen Ansied-lungen zu durchsetzen."
Aus den Kreisen der Bankwelt schrieb mir Ernst von Mendelssohn-Bartholdy : „Nunmehr, wo die Würfel gefallen sind, drängt es mich, ErnstEurer Durchlaucht zu sagen, wie außerordentlich ich die Wendung beklage, *■ Mendels-welche die Dinge genommen haben, und wie ich es geradezu für ein Unglück ^halte, daß Deutschland die weise und erfolgreiche Leitung des Mannes ent-behren soll, der wie kein anderer dafür gemacht ist, das oberste Steuer zuführen. Unendlich viel schuldet die Nation Eurer Durchlaucht an Dank.Wenn es mir am Herzen hegt, als Unus ex multis meine tiefe Trauer zumAusdruck zu bringen, so darf ich dies vielleicht noch mit besserem Rechteals mancher andere tun, im Hinblick auf die öfteren wichtigen Angelegen-heiten, die mir die Ehre verschafften, Eurer Durchlaucht näherzutreten,und die mir in geschäftlicher sowohl wie persönlicher Beziehung unvergeß-lich sein werden." Arthur von Gwinner , der Direktor der Deutschen Bank,nebenbei gesagt der Sohn des Freundes und Biographen meines Lieblings-philosophen Schopenhauer, schrieb: „Euer Durchlaucht wollen mir ge-statten, daß ich das freundliche und schmerzliche Wort nachsende, das icham Lehrter Bahnhof persönlich aussprechen wollte. Die Polizei hatte bei