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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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SOZIALPOLITIKER

Adolf Wagner Adolf Wagner, ein Franke, in Erlangen geboren, seit 1870 Professor inBerlin , langjähriger Vorstand des Vereins für Sozialpolitik, war, wie mansich damals ausdrückte, ein Kathedersozialist. Ich hatte vierunddreißigJahre früher mein diplomatisches Examen vor ihm bestanden, und er hattedamals meine Arbeit über die itahenischen Finanzen sehr freundlich zen-siert. Jetzt schrieb er mir:Euer Durchlaucht bitte ich, auch von mir denAusdruck des tiefsten Bedauerns entgegenzunehmen, daß Sie aus den hohenÄmtern, welche Sie so vortrefflich im Nationalinteresse verwaltet haben,nunmehr geschieden sind. Die Parteikonstellation im Reichstag, welche Siezu dem Schritt der Bitte um Entlassung bei Seiner Majestät geführt hat,ist für jeden deutschen Patrioten schmerzlich. In den Kreisen der Vertreterder Wissenschaft ist das der allgemeine Eindruck der jüngsten Vor-gänge. Wir werden alle Eurer Durchlaucht in aufrichtigster Ergebenheitverbunden bleiben."

Gerhart von Schulze-Gaevernitz war der Sproß einer alten Ge-Schulze- lehrtenfamilie, deren Söhne seit länger als einem Jahrhundert Theorie undGaevernitz Praxis in einer für deutsches Professorentum so ehrenvollen wie charak-teristischen Weise zu verbinden verstanden haben. Friedrich Gottlob in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts Professor in Jenagab der Landwirtschaftslehre ein nationalökonomisches Fundament. DerKronsyndikus Hermann war in der Bismarckzeit ein namhafter Staats-rechtslehrer. Mit dessen Sohn Gerhart, Professor der Nationalökonomie inFreiburg i. Br. und gleichzeitig praktischer Landwirt in Schlesien , hatte ichmanches für mich anregende und belehrende Gespräch über wirtschaftlicheund politische Fragen geführt. Jetzt schrieb er mir:Ich fürchte, daßheute nicht allzu viele Zeitgenossen sich des großen Gehaltes an Zukunftbewußt geworden sind, welche einem schärfer blickenden Auge die Ge-schichte Ihrer Amtsführung enthüllt. Was vor zehn Jahren Utopie er-schien, ist heute nicht zum wenigsten dank der Tätigkeit Eurer Durch-laucht vielleicht noch schwere, aber nicht mehr hoffnungslose Aufgabe.Ich denke dabei an Tatsachen. Erstens: Vor zehn Jahren war es wildeUtopie, von einer Zeit des maritimen Gleichgewichtes zu träumen, in derDeutschland der hoffnungslosen Abhängigkeit von England in allen über-seeischen Wirtschafts- und Machtfragen entwachsen sein würde. Heute istes unsere bewußt verfolgte Aufgabe, auch zur See durch eigene Stärkeunser Dasein zu bejahen. Wir dürfen hoffen, unseren britischen Vetter ausdem so verführerischen Angriffsgedanken zu entstricken und in Friedenjener Anerkennung und Förderung unserer überseeischen Interessen zuzu-führen, wie er sie heute etwa den Vereinigten Staaten entgegenbringt. EuerDurchlaucht waren der gewichtige Vertreter und der beredte Fördererdieses ,zum Frieden starken Deutschlands ', wie es sich im Volksbewußtsein