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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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SCHMOLLER

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das aus der Provinz , der Ihr ganzes Interesse gehört hat." Der Oberhof-meister der Kaiserin, der Freiherr von Mirbach, dessen frommer, aber Freiherrbisweilen die Grenzen politisch gebotener Umsicht überschreitender Eifer Mirbachfür religiöse Zwecke ihn öfters in Gegensatz zu mir gebracht hatte, schriebmir aus Potsdam :Euer Durchlaucht haben nach langer, schwerer underfolgreicher Arbeit die Last des mühevollen Staatsdienstes niedergelegt,in welchem Sie Ihre ganze Kraft und Gesundheit für Ihren Kaiser und dasReich in einem Maße und mit einer aufopfernden Hingebung eingesetzthaben, von der sich die große Menge keine Vorstellung machen kann. Ichgehörte zu denen, die immer noch hofften, daß Sie uns länger erhaltenblieben. Unsere Zeit ist nach innen und außen furchtbar ernst und gefahr-drohend, und es hilft nichts, wie es viele tun, sich in vergnügtem Lebenoder mit Redensarten darüber hinwegzutäuschen. Der Kampf der Parteienuntereinander, der dämonische Einfluß des größten Teiles unserer Presse,die Entchristlichung der großen Massen auch in den gebildeten Kreisenerfüllt jeden, der sein Königshaus und sein Vaterland hebt, mit tiefer Sorge.Aber in allem Kämpfen und Toben tritt eines immer klarer und deutlicherhervor, daß es nur einen sichern Fels und festen Grund gibt, der unbeweg-lich steht, unser Herr und Heiland. Dabei gedenke ich auch besondersEurer Durchlaucht von mir und meiner Frau so hochverehrten FrauMutter, deren fester Glaube mir stets vorbildlich war. Nur so, wie sie, kannman in die sturmbewegten Wogen unserer Zeit ruhig und hoffend hinaus-blicken."

Mein langjähriger Freund, der Nationalökonom Professor Gustavvon Schmoller, schrieb:Ich bin überzeugt, daß es ein großes Unglück Gustavfür unser Vaterland ist, daß Sie gehen. Das Deutsche Reich braucht gerade Schmollereinen solchen Steuermann, wie Sie es seit einem halben Menschenalter zumSegen Preußens und Deutschlands waren. Sicheres, erfolgreiches Auftretennach außen, bei größter Kunst, einen Krieg zu vermeiden, und nach inneneine gemäßigt konservative Regierung mit so viel liberalen und sozialenReformen, wie sie heute unentbehrhch sind, wenn nicht ein jäher Umsturzfolgen soll, das war die Signatur Ihrer Politik. Daß das Zentrum Siebekämpfte, war natürlich, daß die Liberalen nicht immer geschicktoperierten, ist begreiflich, daß aber die Konservativen Sie so im Sticheließen, ist nicht entschuldbar durch den Unverstand ihrer Wähler. Ich weißkein Beispiel so großer politischer Undankbarkeit einer großen Partei. Magviele der einzelnen Konservativen ihre politische Unzurechnungsfähigkeitentschuldigen, von den Führern ist es gröbste Felonie und bornierte Kurz-sichtigkeit. Millionen der besten Deutschen sind auf Ihrer Seite, aber wiewenige sprechen es aus. Da ich zu denjenigen gehöre, die Ihnen schreibendürfen, so ertrug ich nicht, ganz zu schweigen." Der Nationalökonom