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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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DAS AUSLAND

hieß weiter in dem Leitartikel des großen englischen Blattes:Im gegen-wärtigen Moment ist die deutsche Macht wieder verhältnismäßig so vor-herrschend in Europa wie in den stärksten Phasen der BismarckschenRegierung. Es ist vor allem eine Tatsache, daß zur Stunde die Stellung desDeutschen Reiches in jeder Hinsicht glänzender, gedeihlicher und macht-voller ist als zu der Zeit, da Fürst Bülow sein Amt antrat." In englischenAugen, führte das Londoner Blatt weiter aus, wäre es das Merkwürdigste andem Fürsten Bülow gewesen, daß er, ein Staatsmann ohne parlamentarischeErfahrung, sich sofort als der heste parlamentarische Sprecher des Fest-landes mit der alleinigen Ausnahme Clemenceaus betätigt habe. Nebenseinem dialektischen Geschick habe er einen Schatz von gesundem Men-schenverstand in den Geschäften bewiesen. Der Artikel schloß mit dem Aus-druck der Besorgnis, daß nach dem Rücktritt des Fürsten Bülow die per-sönliche Initiative des Deutschen Kaisers mehr als früher der überwiegendeEinfluß im Staate sein würde. Die persönlichen Beziehungen dieses Kanzlerszu seinem Souverän wären immer schwieriger geworden, was im Interessedes Friedens bedauerlich gewesen sei, denn die vorbeugende Wirksamkeitder Staatsklugheit des Fürsten Bülow würde voraussichtlich einmal alshöchst wertvoll zutage treten.

Sehr amüsierte mich das nachstehende Porträt, das der Pariser Figaro"Französische von mir gab:Ein vollendeter Turnkünstler, Flötenspieler und Seiltänzer,Presse em ausgezeichneter Improvisator, ein offener, aber von keinem Skrupelzurückgehaltener Geist. Eher träge von Natur, aber mit einem durch denErhaltungstrieb in Spannung gehaltenen Willen, von wunderbarer Geschick-lichkeit zur Umkehr. Wenn die Schwierigkeiten kommen, ist er sicherlichnicht derjenige, den die Widersprüche und Schwenkungen in Verlegenheitsetzen." Der grundsätzlich sehr deutschfeindlicheTemps" , das ein-flußreichste französische Blatt, schloß nach einer Anerkennung dergroßen persönlichen Eigenschaften, die den Fürsten Bülow ausgezeichnethätten, seinen Artikel über dessen auswärtige Politik mit den Worten:Auch diejenigen, und Frankreich gehört dazu, die sich nicht immer überihn zu freuen hatten, verschließen die Augen nicht seinen Verdiensten, undsie erinnern sich, daß er wenigstens Schmiegsamkeit genug besaß, um dieäußersten Krisen zu vermeiden, die aus geringfügigen Gründen Frankreich und Deutschland aneinandergebracht hätten."

Ich hatte nie ein Hehl daraus gemacht, daß ich die Ostmarkenfragefür die wichtigste Frage der inneren preußischen Politik hielte, daß ich sieals eine Lebensfrage des deutschen Volkes betrachtete und als solchebehandelte. Aus keinem Teil des Vaterlandes gingen mir beim Ausscheidenso viele und so herzliche Kundgebungen des Bedauerns zu wie aus demOsten der Monarchie; freilich auch Zuschriften, bei denen der Unterton der