DIE KREUZZEITUNG
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Durch den Blätterwald der deutschen Presse ging nach meinem Rück-tritt ein starkes Rauschen. Es ist dem Deutschen nicht gegeben wie dem Die deutsche Franzosen, Italiener und Engländer, jeden Staatsmann, der sich Verdienste P resseum das Land erworben und im öffentlichen Leben eine Rolle gespielt hat,mehr nach seinen Vorzügen als nach seinen Mängeln, mehr nach seinenErfolgen als nach seinen Mißerfolgen zu beurteilen und ihn so in dasNationalmuseum einzurangieren. Bei uns überwiegt meist die Kritik, ofteine allzu kleinliche, noch öfter eine spießbürgerliche Kritik. Immerhingestand auch die „Kreuzzeitung ", obwohl sie erklärte, meine Meinungs-verschiedenheit mit der Konservativen Partei auf das tiefste zu bedauern:„In der auswärtigen Politik fand der vierte Kanzler die gewaltige Aufgabevor, unsere kontinentale Position gegen die Schwierigkeiten zu behaupten,mit denen schon Bismarck gekämpft hatte, und dazu noch die wegen derEntwicklung unserer überseeischen Interessen, unserer Exportindustrieund unseres Außenhandels schwierig gewordene Aufgabe, gute Beziehungenzu England, Japan und Amerika zu pflegen: das ist ihm meisterhaft ge-lungen. Kein beachtenswerter Gegner des Fürsten Bülow hat dieses seinVerdienst je zu bestreiten versucht. Von alldeutscher Seite ist es ihm oftschwer genug gemacht worden, gute Beziehungen zu England zu pflegen;in der Marokko -Angelegenheit haben die Freisinnigen mit ebensoviel Eiferwie Ungeschick seine Kreise zu stören gesucht. Die ruhige und umsichtigeArt des Kanzlers hat fast immer diese Hindernisse beiseitezuschiebengewußt, so daß seine Führung unserer auswärtigen Politik auch in stür-mischer Zeit im Lande selbst den Eindruck absoluter Zielsicherheit machteund ihre Erfolge mehr im Auslande als bei den Deutschen selbst Uber-raschung und Staunen hervorriefen. Man spricht so viel von den ästhetischenNeigungen des Fürsten Bülow, auch von der Kunst seiner Rede und seinerGeste. Ein größerer Künstler war er, wo er schweigend handelte. Damußte allemal vor dem Resultat auch die grundsätzlich alles besserwissende Kritik verstummen."
Wenn ich für Anerkennung von Seiten meiner Landsleute in der deut-schen Presse dankbar war, so gereichten mir doch vom Standpunkt des Die englische Argumentum e contrario einige prägnante Äußerungen ausländischer Presseund namentlich großer englischer Blätter noch mehr zur Genugtuung.Das Organ des Foreign Office, die „Morning Post", schrieb bei meinemRücktritt: „Es ist für die Gegner des Fürsten Bülow nicht angenehm, zukonstatieren, aber es trifft zu, daß Deutschland seit lange nicht so stark undmächtig dagestanden hat wie jetzt." Der Londoner „Daily Telegraph "meinte: Fürst Bülow trete vom Amt zurück, nachdem er mehr als irgendeinanderer dazu beigetragen habe, die Geschicke des deutschen Staates durcheine Periode außerordentlicher Schwierigkeiten hindurchzusteuern. Es
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