LEKTÜRE
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die der heilige Paulus an seinen rechtschaffenen Sohn im Glauben, denTimotheus, richtete, dem er schreibt, daß alle Schrift, von Gott eingegeben,nütze sei zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Züchtigung in der Ge-rechtigkeit. Mein Vater hatte aber auch nicht vergessen, was Goethe zehnJahre vor seinem Tode an seinen Freund I. S. Zauger schreibt: „PrüfenSie sich immerfort an dem diamantenen Schild der Griechen, in welchemSie Ihre Tugenden und Mängel jederzeit am klarsten erblicken können."Schon als Kind betrachtete ich mit Andacht die schönen Umrißzeichnungenvon John Flaxman zur Odysse und zur Ilias. Ich war kaum zehn Jahre alt,als ich beide las und damit eine Ahnung erhielt von der stillen Größe undder edlen Einfalt der Antike. So wurde ich zum Verständnis des homeri-schen Wesens erzogen und von früh an homerisch gestimmt. Darüber wurdedie Heilige Schrift nicht vernachlässigt. Wir lasen täglich in der Bibel. Alsich auf die Schule kam, hatte ich schon das ganze Alte und natürlich auchdas Neue Testament gelesen. Ich kannte an fünfzig Kernlieder auswendig,jene herrlichen geistlichen Lieder, die ein köstlicher Schatz der evan-gelischen Kirche sind. Viele von ihnen könnte ich noch heute aufsagen. Vordem Einschlafen beteten wir das alte niederdeutsche Kindergebet von denvierzehn Engeln:
Abends, wenn ik slapen gah,
Viertein Engel bi mi stahn:
Twei tau min Haupten,
Twei tau min Feutten,
Twei tau mine Rechten,
Twei tau mine Linken,
Twei, di mi taudecken,
Twei, di mi upwecken,
Twei, di mi wiest
Int himmlisch Paradies
Un min Vadding un Mudding ok.
Ich bin der Ansicht, daß Goethe recht hat, wenn er (ich weiß nicht mehr,ob zu Eckermann oder zu einem anderen Freund) sagt, wer mit Aufmerk-samkeit und Verständnis die Bibel lese, brauche kaum eine andere Lektüre.Buchstäblich freilich faßte mein Vater diese Bemerkung von Goethe nichtauf. Von Goethe selbst las ich schon als Kind den „Götz von Berlichingen "und viele Gedichte. Vor allem las ich Schiller . Als ich einmal mit einerstarken Grippe zu Bett lag, gab mir mein Vater als Trost „Die Jungfrauvon Orleans" zu lesen. Sie versetzte mich in eine solche Begeisterung, daßich bei der Lektüre des elften Auftritts im fünften Aufzug, wo auf denFlügeln kriegerischen Gesanges die Seele Johannas sich frei aus ihremKerker schwingt, in Tränen ausbrach. Mein Vater verwies mir solche