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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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FRÄULEIN VON X.

im Französischen und noch besser im Französischen und im Englischen.Ich glaube nicht, daß Bismarck einem Matthias Erzberger , der kein WortFranzösisch verstand, geschweige denn sprechen konnte, entscheidende,schicksalsschwere Verhandlungen mit französischen Generälen und Diplo-maten übertragen hätte. Ich bin jedenfalls den Engländerinnen und Fran-zösinnen, die mich in meiner Kindheit, wo sich fremde Sprachen am leich-testen und besten erlernen lassen, mit beiden Sprachen vertraut machten,noch heute dankbar. Meine engUsche Gouvernante, Miß P., war groß,schön gewachsen, sie hatte prächtige Zähne und Augen, die strenge bückten,auch wenn sie zärtlich gestimmt war. Meine französische Erzieherin, Made-moiselle T., war klein, zierüch, beweglich, ein wenig kokett. Miß P. schloßihre Ermahnungen gern mit den Worten:Mr. Bernhard, behave as agentleman, otherwise I cannot love you." Mlle. T. flötete:Mon petitBernard cheri, soyez bien gentil avec votre bobonne qui vous aime taut."Miß P. und Mademoiselle T. gefielen mir beide sehr gut. Mein Vater sprachausgezeichnet Französisch. Meiner Mutter war das Englische vertrauter,das damals in Hamburger Patrizierhäusern viel gesprochen wurde. EinZweig der Familie Rücker hatte sich im achtzehnten Jahrhundert nachEngland gewandt, war dort völlig anglisiert worden, unterhielt aber nochVerbindungen mit der alten Heimat und den Hamburger Verwandten.

In Frankfurt erhielt ich meinen ersten Tanzunterricht. Unter den jungenTanz- Mädchen, mit denen ich mich im Reigen drehte, war auch Fräulein N.,unterrkht deren Mutter für die größte Schönheit der Frankfurter Gesellschaft galt.

Man flüsterte sich zu, daß der österreichische Gesandte, Graf Friedrichvon Thun-Hohenstein, ihr den Hof gemacht habe. Nach ihm sei eineleganter preußischer Husarenoffizier, der Baron Max Schreckenstein, vonihr ausgezeichnet worden. Boshafte Zungen fanden, daß ihre ältere Tochterdem Grafen Thun, die jüngere dem Freiherrn von Schreckenstein gliche.Verständige Leute meinten mit Kaiser Justinian und dem guten Herrn N.:Pater est quem nuptiae demonstrant." Meine Lieblingstänzerin war Fräu-lein von X., deren Vater der Bundes-Militär-Commission angehörte. Als mitdem Ende des Winters auch die Tanzstunden ihr Ende erreicht hatten undich betrübt von meinen Tänzerinnen Abschied nahm, Uef sie mir nach undumarmte und küßte mich unter Tränen. Es war dies das erstemal in meinemLeben, daß eine Dame die Güte hatte, mir spontan anzudeuten, ich wäreihr nicht unsympathisch. Ich habe Fräulein von X. nie wiedergesehen. Sieist aber nicht an Liebesgram gestorben, sondern hat einen wackeren Generalgeheiratet, dem sie sieben Kinder schenkte.

Meine geistige Ausbildung verdanke ich in allererster Linie meinem \ ater.Geistige Er legte die Fundamente meiner Bildung. Als solche möchte ich einerseitsAusbildung <jj e Bibel, andererseits Homer bezeichnen. Mein Vater gedachte der Worte,