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EIN RÜCKSCHLAG
Bund zu flechten ist und daß das Unglück schnell schreite, ist nicht nur einepoetische Wendung in Schillers Glocke, das lehrt die Geschichte.
Im Herbst 1861 wurde ich mit meinem Bruder Adolf, mit dem ich allenDas Unterricht gemeinsam erhalten hatte, der Quarta des Frankfurter Gym-Frankfurter na siums anvertraut. Als ich zum erstenmal meinen Platz in der Schule ein-Gymnasmm j^j^ i e g te ^ n j cnt onne Stolz die schöne Büchermappe auf den Tisch,die mir meine Eltern für diesen feierlichen Augenblick geschenkt hatten.Auf der Mappe stand in goldenen Lettern „B. B." (Bernhard Bülow) . Derneben mir sitzende Knabe hatte gleichfalls eine schöne Mappe, auf der ein„H" neben einem „B" stand. Er hieß Hugo Bethmann, ist ein Menschen-alter später nach Paris ausgewandert, ließ sich dort naturalisieren und ver-wandelte sich mit dem Mangel an Nationalstolz, der leider nur zu oft denDeutschen verunziert, in einen chauvinistischen Franzosen. Seine Söhnefochten im Weltkrieg gegen uns.
Bald nachdem ich in die Oberquarta des Frankfurter Gymnasiums auf-genommen worden war, mußte ich zum erstenmal erfahren, wie nah derTarpejische Felsen dem Kapitol hegt. Einmal in der Woche wurde uns einExtemporale diktiert, und je nach seinem Ausfall wurden die Schülergesetzt. Bei dem ersten Extemporale, das ich zu schreiben hatte, wurde ichDritter und war stolz wie ein Pfau. Das zweite Extemporale, acht Tagespäter, mißglückte, und ich mußte auf den 17. oder 18. Platz herunter-rücken. 0 jerum, jerum, jerum, o quae mutatio rerum. Ich entsinne michnicht, in meinem weiteren Leben eine ähnliche Enttäuschung, einen sobitteren Verdruß empfunden zu haben. Spätere Rückschläge in meinerKarriere haben mich viel gleichgültiger gelassen. Wohl ein Beweis, wieempfindlich das Selbstgefühl und das Seelenleben der Kindheit ist und daßes geschont werden muß. „Maxima debetur puero reverentia" ist ein weisesWort des Satirikers Juvenal. Um nicht zu früh wieder im Elternhause ein-zutreffen, nahm ich meinen Weg vom Gymnasium nach der Neuen MainzerStraße nicht durch die engen und krummen Gassen und Gäßchen der altenStadt, sondern längs dem Main und durch die Schöne Aussicht. Sehr melan-cholisch blickte ich auf die braungelbe Flut des Mains und die weiß-glänzende, stattliche Häuserreihe der Schönen Aussicht, auf die alte, ehr-würdige, heute leider abgerissene Brücke mit dem Standbild des großenKarl und dem „Gickel", einem vergoldeten Hahn, dem Wahrzeichen derStadt Frankfurt. Wenn mich der selige Arthur Schopenhauer, der an derSchönen Aussicht wohnte, beobachtet hätte, würde er mich dazu beglück-wünscht haben, daß ich auf diese Weise rechtzeitig zur Erkenntnis der Un-beständigkeit alles Irdischen und dadurch zu einem ruhigen Einblick in denWeltlauf und das Weltganze gelangen könne. Als ich endlich nach langemZögern zu Hause eintraf und mein Mißgeschick dem Vater berichtete,