NUMMER ZWEI
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verwies er mir vor allem meine Niedergeschlagenheit. So leicht dürfe sichein ordentlicher Junge nicht umwerfen lassen. „Tu ne cede malis, sed contraaudentior ito!" Beim nächsten Extemporale möge ich meine Gedankenbesser zusammenhalten, dann würde ich die Scharte wieder auswetzen. ZuWeihnachten bekam ich denn auch ein gutes Zeugnis: Nr. II. Als ich esmeinem Vater überreichte, meinte dieser: „Eine I wäre mir lieber ge-wesen." Nicht ohne Pikiertheit wies ich darauf hin, daß meine Mitschülereine III, eine IV oder gar eine V bekommen hätten. Ich frug: „Was würdestdu denn sagen, wenn es mir auch so ginge?" Mein Vater erwiderte: „Dannwürde ich dich Schneider werden lassen." Auch dies stand nicht ganz imEinklang mit der Auffassung der guten Herrnhuter . Bezeichnend für dasDeutschland des Frankfurter Bundestages erscheint mir, daß von meinenFrankfurter Schulkameraden manche Wien, viele Paris besucht hatten.Berlin kannte keiner.
Der Direktor des Frankfurter Gymnasiums trug einen berühmtenNamen. Er hieß Tycho Mommsen und war der um zwei Jahre jüngere Das KollegiumBruder des Geschichtschreibers und Altertumsforschers Theodor Mommsen .Er dozierte mit pedantischer Strenge die alten Sprachen. Sie hatte aber diegute Folge, daß er bei seinen Schülern eine feste Basis schuf, die sich späterals vorteilhaft erwies. Übrigens hat auch Tycho Mommsen , ohne es demgrößeren Bruder gleichzutun, durch seine Ubersetzung Pindars , seine Auf-sätze über die Satiren des Horaz und seinen feinen Essay über die Kunst desdeutschen Ubersetzens aus neueren Sprachen sich einen guten Namen ge-macht. Das Frankfurter Gymnasium war eine Simultanschule. Meinenkatholischen Mitschülern erteilte Geschichtsunterricht Professor Johan-nes Janssen , der, als zehn Jahre später der unselige Kulturkampf ent-brannte, einer der leidenschaftlichsten Vorkämpfer der ultramontanenRichtung wurde. Seine Biographie des Grafen Friedrich Leopold Stolbergund vor allem seine „Geschichte des deutschen Volks seit dem Mittelalter"sind in diesem Geiste gehalten, von dem auch die von seinem Schüler Lud-wig von Pastor verfaßte monumentale Geschichte der Päpste erfüllt ist.Von meinen Lehrern am Frankfurter Gymnasium bewahre - ich unseremGeschichtslehrer, Herrn Dr. Theodor Creizenach, ein besonders dank-bares Andenken. Wie schon Dr. Lohr, so förderte er in mir Verständnis fürdie deutsche Geschichte und damit für nationales Empfinden. Dr. Crei-zenach war Israelit . Einmal malten während einer Pause ein paar unge-zogene Jungen eine häßliche Karikatur an die Wandtafel, die auf die jüdi-sche Abstammung unseres Lehrers hindeuten sollte. Mein Bruder und ichwidersetzten uns dieser Roheit. Es kam zu einer Prügelei, bei der unsnach dem Ablauf der Pause unser Geschichtslehrer überraschte. Natürlichdenunzierten wir die Übeltäter nicht, aber Dr. Creizenach schien doch den