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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
Entstehung
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EIN PATRIARCH

Zusammenhang zu ahnen. Er gab mir die Hand mit den Worten:Du bistein braver Junge."

Die Juden bildeten in Frankfurt ein bedeutsames und stark ausge-Die prägtes gewerbhches und gesellschaftliches Element. Noch existierte ziem-Rothschiltls lieh unverändert die Judengasse, wo allein, bis zum Ende des achtzehntenJahrhunderts, die Juden hatten wohnen dürfen. Zur Nachtzeit und amSonntag wurde die Gasse durch Tore abgeschlossen. Ich bin oft durch dieJudengasse gegangen. In manchem halbverfallenen Haus wohnten anhundert Menschen. Die Giebel der schwarzen Häuser neigten sich melan-cholisch gegeneinander. Ich kann mich gut des alten Baron Anselm MayerRothschild entsinnen. Auch mit ihm ging mein Vater gelegentlich spazieren.Der freundliche alte Mann erzählte hübsch von seiner Kindheit, wie er mitseinen Eltern nachts in der Judengasse eingesperrt wurde. Wenn er unmittel-bar vor Toresschluß noch Einlaß begehrte, sagte die Schildwache, ihn am Ohr-läppchen packend, auf gut frankfurterisch zu ihm:Judebübche, eumalwillich dich noch hereinlasse." Anselm Mayer Rothschild hatte seinen gut-mütigen Humor auch im tollen Jahr 1848 betätigt. Als eine aufgeregteVolksmasse vor sein Haus zog, erschien er auf dem Balkon und richtete fol-gende kleine Ansprache an die Anwesenden:Ihr wollt, Heben Freunde,daß alle Reichtümer verteilt werden sollen. Es gibt ungefähr vierzig Millio-nen Deutsche. Ich besitze ungefähr ebensoviele Gulden. Wir wollen die Ver-teilung damit beginnen, daß ich jedem von euch als seinen Anteil einenGulden schenke." Die Leute zogen lachend ab.

Die FamiHe Rothschild nahm unter den Frankfurter Israeliten eineSonderstellung ein, worauf sie stolz war. Als im Frankfurter Klub über dieAufnahme des Barons Emil Erlanger diskutiert wurde, sprach sich meinVater für die Admission dieses gescheiten Mannes aus, der zu Wohlstandund Stellung in Paris gelangen sollte, wo ich ihm wieder begegnet bin. DerBaron Mayer Carl von Rothschild, später Mitglied des Preußischen Herren-hauses , der Sohn des alten Anselm Mayer, protestierte lebhaft gegen dieZulassung von Erlanger und sagte schließlich zu meinem Vater:Je nevous comprends pas. En somme, Erlanger n'est qu'un miserable juif." Erunterschied zwischen der Grande Juiverie, zu der er vor allem das HausRothschild rechnete, und der Petite Juiverie, in die er die übrigen Israelitenverwies. Manche von diesen haben es im Ausland zu Reichtum gebracht,namentlich in Brüssel und in Paris .

Wir wohnten in Frankfurt im Stadthaus des Baron Willy Rothschild,dessen Witwe Mathilde erst nach dem Weltkrieg, über neunzig Jahre alt,gestorben ist. Sie war mit der Kaiserin Friedrich und mit meiner Schwieger-mutter Donna Laura Minghetti befreundet, die sie beide öfters in ihrerschönen Villa bei Frankfurt , der Grüneburg, besucht haben. Kaiser