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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
Entstehung
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DER ELBPAUK

Jenisch hatte durch Reederei wie durch große Bankgeschäfte mit der KroneDänemark ein stattliches Vermögen erworben, den ihm von Dänemark angetragenen Grafentitel aber abgelehnt mit dem Selbstgefühl desHamburgers von altem Schrot und Korn. In der bösen Franzosenzeit, alsHamburg bonne ville de l'Empire Francais" wurde, war er von Napoleonzum Senateur de l'Empire ernannt worden. Das hat ihn aber nicht verhindert,die Rechte seiner Vaterstadt den Franzosen gegenüber mit Energie zuvertreten. Sein ältester Sohn, Martin Jenisch , wurde Senator wie sein Vaterund betätigte sich in dieser Eigenschaft als Führer der äußersten Rechten.Er war ein Freund des Generals Leopold von Gerlach in Berlin und allermecklenburgischen Feudalen. Er besaß in Hamburg an den GroßenBleichen ein stattliches Stadthaus mit einer guten Gemäldegalerie, wo ichden ersten malerischen Anschauungsunterricht erhielt. In diesem Haus gabnach dem siegreichen Deutsch-Französischen Krieg der Hamburger Senat unserem alten Kaiser Wilhelm I. ein Festmahl, als dieser 1881 Hamburg seinen ersten Besuch als Deutscher Kaiser abstattete.

Eine gute Stunde von Hamburg entfernt besaß der Senator MartinJenisch den auch von Fremden viel besuchten Jenisch-Park bei Teufels-brück an der Elbe, der aus dem eigentlichen Park, dem Elb park, und demQuellenpark bestand. Im Hauptpark war ein schönes Palmen- und ein nochschöneres Orchideenhaus, wo diese in Deutschland noch seltene Blume inden wunderbarsten Spielarten kultiviert wurde. Wenn der Senator Jenisch,in der linken Hand eine goldene Lorgnette, die rechte auf einen Bambusstockmit goldenem Knopf gestützt, seine Orchideen betrachtete, bot er einenAnblick behaglicher Zufriedenheit, wie sie mir in dieser Welt, wo, wie oftgesagt, die Zahl der Unzufriedenen die der Zufriedenen erheblich über-steigt, selten wieder begegnet ist. In Holstein gehörten ihm zwei Ritter-güter, in Jütland die Herrschaft Kalo an einer Bucht der Ostsee . Aber auchfür ihn kam ein letztes Glück und ein letzter Tag. Er starb im bestenMannesalter, in den fünfziger Jahren. Zu seinem Universalerben bestimmteer den jüngeren Bruder meiner Mutter, Alfred Rücker. Ich glaube, daß daseine Enttäuschung für meinen guten Vater war, der gehofft haben mochte,daß ich als Patenkind des Senators Martin Jenisch einmal den Besitz desvon diesem gestifteten ansehnlichen Fideikommisses antreten würde. Ichführe in der Tat als dritten Namen den Namen Martin. Ich halte heute meinedamalige Ubergehung für eine gnädige Fügung der Vorsehung, und dasnicht nur, weil, wie Helmerding in einem alten Berliner Couplet sang,Reichtum allein nicht glücklich macht. Wäre Kalo an mich gefallen, sohätte mich das Schwergewicht der damit verknüpften Interessen vielleichtdoch in die Richtung des öresund schieben können. Ich danke Gott , daßich Deutscher blieb.