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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DER EHRBARE KAUFMANN

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So hat schon im achtzehnten Jahrhundert ein Hamburger Poet, derbiedre Friedrich von Hagedorn , zu Lob und Preis seiner Vaterstadt ge-sungen, und das Selbstgefühl der freien und selbstbewußten Hamburger Bürger hat inzwischen nicht abgenommen.

Das Hamburg , das vor den Augen meiner Kindheit lag, war dasHamburg vor 1866, vor 1870, vor dem erst 1888 erfolgten Anschluß an denZollverein. Zwischen zehn und elf Uhr vormittags führte in jener Zeit einestattliche, mit vier Schimmeln bespannte Coach die Besitzer der Elbvillenvon Blankenese, Nienstedten und Flottbekzur Stadt", nach Hamburg .Diese Coach wurde dieweiße Dame", dieDame Blanche ", genannt, inErinnerung an die damals populäre Oper von Boieldieu . Im altenHamburg stand wirtschaftlich und gesellschaftlich der Reeder an ersterStelle. Erst später entwickelte sich die Industrie an der Elbe . Ihre Vertreterwurden nur allmählich und langsam in das Hamburger Patriziat auf-genommen. Die Chefs der Handelsfirmen und der mit den Reederei-Unternehmungen eng verbundenen Import- und Export-Häuser pflegtengegen zwei Uhr nachmittags auf der Börse zu erscheinen: im Gehrock, mitschwarzer Halsbinde und mit hohem, spiegelblankem Zylinder. Insbesondereder Zylinder war das Symbol desehrbaren Kaufmannes" und voll-kommenerWohlanständigkeit". Alle Angestellten, auch die Prokuristen,hatten im enghschen schwarzen steifen Hut anzutreten. Der hohe graueHut wurde nur von den Senatoren und den Syndici getragen. Das war dieTradition.

Was im alten Hamburg Tradition war, kam meist aus England .In der Londoner City wurde Hamburgdie Vorstadt von London " genannt.London und England waren für Hamburg und ähnlich für Bremen in derersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts von gleichem Nimbus umgebenwie Paris und die französische Kultur für Frankfurt am Main und dieRheinufer. Ein Hamburger Patrizier großen Stils, ein Jenisch, Godeffroy,Rücker, Schröder, Amsinck, mußte ein Stadthaus auf der Esplanade, amJungfernstieg oder an den Großen Bleichen, ein Landhaus an der Elbe undein Rittergut in Holstein oder Mecklenburg besitzen.

Meine Großmutter Rücker war die älteste Tochter des Senators MartinJohann Jenisch, dessen Familie als die erste in Hamburg galt. Auch sie Rücker-kam aus Süddeutschland. Sie hatte vor der Reformation in Augsburg Jenischgeblüht, der Heimat der Fugger und Welser, aber während der Reformations-wirren die Stadt am Lech des Glaubens wegen verlassen und sich nachHamburg gewandt. Auch sie hatte der Elbstadt unter deren alter Ver-fassung, die derReisende Franzose" das glücklichste bisher gefundeneMittelding zwischen Aristokratie und Demokratie nannte, manchentrefflichen Senator, Syndikus und Bürgermeister gestellt. Martin Johann

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