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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
Entstehung
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IV. KAPITEL

Die Großmutter in Plön Der Großonkel Wolf Baudissin Die Schleswig-HolsteinisckeFrage Der Vater scheidet aus dem dänischen Staatsdienst (1862) Seine Berufungnach Mecklenburg-Strelitz als leitender Minister (1863)

Von Flottbek fuhren wir in jedem Jahr nach dem anmutig am größtenSee der holsteinischen Platte gelegenen Städtchen Plön , wo mein Vater Diezur Schule gegangen war und wo seine Mutter seit vielen Jahren lebte. Sie Baudissinswar die einzige Tochter des Reichsgrafen Karl von Baudissin, der bei Be-ginn des neunzehnten Jahrhunderts dänischer Gesandter in Berlin gewesenwar. Sie hatte noch den König Friedrich Wilhelm III. und den PrinzenLouis Ferdinand, Hardenberg und Rüchel-Kleist , die schöne und unglück-liche Königin Luise, sie hatte die Rahel und Henriette Hertz gesehen. IhreMutter war eine Gräfin Dernath, aus einem ursprünglich niederländischenGeschlecht, das nach Österreich gekommen, 1655 in den Reichsgrafenstanderhoben worden war und sich später in Holstein ansiedelte. Das Geschlechtder Grafen Baudissin, das aus der Lausitz stammte, gehört zu den Herren-Familien, die durch das Waflenhandwerk im Dreißigjährigen Krieg in dieHöhe kamen. Der Ahnherr, Wolf Heinrich von Baudissin , focht ab-wechselnd als dänischer, schwedischer und sächsischer Feldoberst, ver-mählte sich mit der Tochter des holsteinischen Statthalters GerhardRantzau, erwarb Grundbesitz in Holstein und starb als polnischer General-leutnant. Das Geschlecht Dernath ist längst ausgestorben. Ein stolzes Ge-schlecht. Einst blühte es am Rhein und an der Donau , in den Niederlandenund in Österreich, in Böhmen und Ungarn, in Holstein und Dänemark ;jetzt schläft es in steinernen Särgen. Soll ich noch fernerer Zeiten gedenken?Der Großvater meiner Großmutter Susanne, mein Ururgroßvater väter-licherseits, der chursächsische General der Infanterie und Gouverneur vonDresden und Königstein, Heinrich Christoph Baudissin, war verheiratetmit der Gräfin Susanna Zinzendorf, einer Nichte des Herrnhuters. Diesesuralte, seit 1100 in Österreich blühende reichsgräfliche Geschlecht, das seitdem fünfzehnten Jahrhundert das Obrist-Erblandjägermeister-Amt inÖsterreich bekleidete, hatte während der Gegenreformation um der Religionwillen seine Heimat verlassen und sich nach dem lutherischen Kursachsen

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