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gewandt. Der jüngere Zweig der Familie kehrte später nach Österreich undzum Katholizismus zurück. Aus ihm gingen zwei bekannte österreichischeStaatsmänner des achtzehnten Jahrhunderts hervor, beide Staats- undKonferenzminister in „inländischen Geschäften", beide Vliesritter, der einemit einer Schwarzenberg, der andere mit einer Dietrichstein verheiratet.Ihre Bilder in langer Allongeperücke, die meine Großmutter mir hinterließ,hängen bei mir in Flottbek. Der ältere, dem evangelischen Glauben treu-gebliebene Zweig des Hauses Zinzendorf schenkte dem protestantischenTeil der Christenheit den Grafen Nikolaus Ludwig , den edlen Stifter derHerrnhuter Brüdergemeinde, die alle Glieder der verschiedenen evan-gelischen Richtungen in inniger Liebe zum Heiland vereinigen will undderen Losungen ich, wie viele andere evangelische Christen, täglich lese.Mein Urgroßvater Karl Ludwig Baudissin mußte schon in seinerBülows Jugend Kursachsen verlassen, weil er als Major in einem ritterlichen Ehren-Urgroßvater handel einen Grafen Gersdorff erstochen hatte, ungefähr wie Faust denarmen Valentin ersticht: „Nun ist der Lümmel zahm!" Nach ausgestan-dener Festungshaft trat er in dänischen Dienst, fungierte fünf Jahre alsdänischer Gesandter am preußischen Hof und starb als Gouverneur vonKopenhagen . Seine einzige Tochter heiratete meinen Großvater AdolphBülow. Auch der hat in seiner Jugend ein Duell gehabt, bei dem er seinenGegner erschoß. Daran hätte ich im Reichstag meine alldeutschen GegnerWolf erinnern können, Liebermann von Sonnenberg und Hasse, wenn sie in mirBaudissin «J en Raufbold vermißten. Ein Bruder meiner Großmutter war Graf WolfBaudissin. Ein Freund von Ludwig Tieck und August Wilhelm Schlegel, unterstützte er beide bei der Ubersetzung Shakespeares und übertrug alleinzwölf Stücke ins Deutsche, unter ihnen „König Lear", „Othello" , „Hein-rich VIII.", „Macbeth", „Coriolan", „Der Widerspenstigen Zähmung" ,„Antonius und Kleopatra", „Maß für Maß" . Von englischen Dichternübersetzte er außer Shakespeare mit Geschmack und Geist Ben Jonson, von französischen Moliere und Ponsard, von Italienern Gozzi und Goldoni.Gustav Freytag hat dem Grafen Wolf Baudissin ein schönes biographischesDenkmal gesetzt. Ich habe meinen heben Onkel Wolf sowohl in seiner Stadt-wohnung zu Dresden, aus deren Fenstern man auf den Großen Gartenblickte, wie auf seinem holsteinischen Gute Rantzau besucht, wo er dieHochsommer zu verleben pflegte. Er war, was die Franzosen einen Causeurnennen, ebenso anziehend und fesselnd in der mündlichen Unterhaltungwie gewandt im schriftlichen Ausdruck. — Er erzählte mir von seiner diplo-matischen Karriere als Sekretär seines Onkels, des Grafen Magnus Dernath,der 1810 als dänischer Gesandter in Stockholm wirkte. Wolf Baudissin hatte dort die Ermordung des Reichsmarschalls Fersen erlebt, der dieFlucht des Königs Ludwig XVI. nach Varennes in die Wege geleitet und
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