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VERSUNKENE WELT
Meine Großmutter war voll Leben und geistiger Interessen. Solange sienoch leidlich rüstig war, vereinigten sich abends bei ihr und ihren Töchterndie Professoren des Gymnasiums, Beamte, Gutsbesitzer aus der Umgegend.Es wurde mit verteilten Rollen Shakespeare gelesen, an dessen Über-setzung der Bruder Wolf einen so hervorragenden Anteil gehabt hatte.Später las sie für sich allein Bücher in allen Sprachen. In einer noch schreib-lustigen Zeit schrieb sie viele Briefe. Ihre Häuslichkeit war für moderne Be-griffe eng, aber sie atmete ein Gefühl der Stille, der Ordnung, der Zufrieden-heit. In Plön nannte man sie die Frau Kammerherrin. Sie war nicht dieeinzige Kammerherrin in der kleinen Stadt, aber sie.war die Kammerherrinkatexochen. „Ich bin", schrieb Johanna Schopenhauer im Dezember 1807an ihren großen Sohn, „still für mich, niemand widerspricht mir, ich wider-spreche niemandem, kein lautes Wort hört man in meinem Haushalt, allesgeht seinen einförmigen Gang, ich gehe den meinen, nirgends merkt man,wer befiehlt und wer gehorcht, jeder tut das seine in Ruhe, und das Lebengleitet so hin, ich weiß nicht wie." Meine Großmutter hätte dasselbeschreiben können. Sie hinterließ mir die Korrespondenz ihrer VorfahrenBaudissin und Dernath. Aus den Briefen, die einen ganzen Koffer füllen,redet eine versunkene Welt. Sie sind in einem zierlichen Französisch ge-schrieben und sprechen nur von Kopenhagener Hofvorgängen, in welcherLaune sich Seine Majestät beim Lever befunden habe und wer die Ehregehabt habe, abends zum Jeu de la Reine befohlen zu werden. Noch in derzweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts folgten im holsteinischenAdel oft in derselben Familie die einen der schleswig-holsteinischen Fahne,die anderen dem Danebrog.
Von den Söhnen des Grafen Magnus Scheel-Plessen, der ein Vettermeiner Großmutter war, blieben der älteste, Wulf, und der jüngste, Otto,während des Schleswig-Holsteinischen Krieges und auch später, 1866 und1870, im dänischen Dienste, der älteste als dänischer Gesandter in Stock-holm, der jüngste als dänischer Vertreter in St. Petersburg . Der zweite,Karl, opponierte vor 1864 den Eiderdänen, aber im Rahmen der Gesamt -staats-Idee, stellte sich nach dem Wiener Frieden an die Spitze der Deputa-tion, die in Berlin für die Einverleibung der Herzogtümer in die preußischeMonarchie plädierte, und wurde der erste preußische Oberpräsident derProvinz Schleswig-Holstein. Als er als solcher im Preußischen Abgeord-netenhause von dem Abgeordneten Lasker wegen seiner Haltung in denfünfziger Jahren angegriffen wurde, verteidigte ihn Bismarck mit großerSchärfe. Fürst Bismarck hat sich mit den früheren Anhängern der Gesamt -staats-Idee immer trefflich abgefunden; die halb partikularistische, halbliberale „Augustenburgerei", wie er sie nannte, war ihm antipathisch. Einerder leidenschaftlichsten Ausbrüche, zu denen Bismarck sich in der Debatte