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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
Entstehung
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EINE DÄNISCHE PATRIOTIN

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dies aber im Gegensatz zu Faust nie bereut. Er dozierte in Straßburg ,Gießen und Marburg und seit 1894 als Nachfolger des Orientalisten Dill-mann in Berlin alttestamentliche Exegese. Er schrieb über die semitischenReligionen. Er ist ein sehr gelehrtes Haus und imponierte mir durch seinWissen schon vor langen Jahren, als wir 1868/69 gleichzeitig in Leipzig studierten. Es ist zweifellos, daß er dort seine Kollegien fleißiger besuchteals ich die meinigen. Wir begegneten uns wieder in Berlin , wo ich ihn wäh-rend meiner Reichskanzlerzeit oft sah. Er war nach meinem Rücktritt imWinter 1912/13 Rektor der Berliner Universität. Er vereinigt tiefe Bildungmit einem subtilen Geist und nie versagender Herzensgüte. Er ist beinahezu gut für diese schlechte Welt. Alle Streberei, alle Eitelkeit, an denen esauch in akademischen Kreisen leider nicht fehlt, lagen ihm stets ganz fern.

Alle drei Brüder meiner Großmutter standen im schleswig-holsteinischen ,im deutschen Lager. Anders meine Großmutter. Sie bUeb bis zu ihrem Groj1874 mit vierundachtzig Jahren erfolgten Tode eine Tochter der alten Zeit: Bulstreng legitimistisch, tief gläubig, allen Neuerungen abgeneigt, ohne Ver-ständnis für Nationalismus und nationalistische Gedankengänge, voll Miß-trauen, ja Unduldsamkeit gegenüber bberaler Weltanschauung. 1459 warChristian von Oldenburg ,Christian der Glückselige", wie er in der Ge-schichte des Hauses Oldenburg hieß, als Christian I. König von Dänemark und gleichzeitig mit Bewilligung der Stände Herzog von Schleswig undHolstein geworden. So sollte es nach der Ansicht meiner Großmutter immerbleiben, der dänische Gesamtstaat sollte aufrechterhalten werden. Fast einhalbes Jahrhundert hat sie in der kleinen Stadt Plön ein bescheidenesHäuschen bewohnt. Zu ebener Erde lag ihr behagliches, aber nicht allzugroßes Wohnzimmer, daneben ein nicht viel größeres Eßzimmer und einSchlafzimmer für diejenige ihrer Töchter, die gerade zum Besuch bei ihrweilte. Im ersten Stock befanden sich drei Schlafzimmer, das erste für dieGroßmama, daneben das ihrer alten und bewährten Dienerin, im drittenhauste ein eisgrauer Kammerdiener, der mit Vorliebe von dem Schreckenerzählte, den im Jahre 1807 das Bombardement von Kopenhagen durch denbösen Admiral Nelson auch in Holstein hervorgerufen habe.Wenn dieengÜschen Admiräle nur nicht Kiel bombardieren", habe man sich zuge-flüstert,und schließlich gar uns in Plön ."

Männliche Gäste meiner Großmutter wurden unter dem Dach unter-gebracht. Ich pflegte das Zimmer zu erhalten, wo mein Vater als Knabegewohnt hatte. Er zeigte mir seinen Waschkrug, dessen Inhalt im Wintermeist gefroren gewesen war, denn die Dachzimmer wurden nie geheizt. Ausdem Hause trat man in einen kleinen Garten, wo Malven, Rittersporn, Mohn,Lilien, Reseda, auch Rosen gepflegt wurden und der sanft ansteigend zu einerBank führte, von der aus man die blaue Fläche des Plöner Sees erblickte.