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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DER ELEFANTENORDEN

HolsteinischeFrage

Die Töchter meiner Großmutter standen politisch auf demselben Stand-punkt wie sie, trauerten der guten alten Zeit nach und waren währendmeiner Amtszeit nur einmal wirklich mit mir zufrieden: als ich den däni-schen Elefantenorden erhielt, den auch ihr Großvater, mein UrgroßvaterKarl Baudissin, getragen hatte. Zu ihrer Entschuldigung will ich hinzu-fügen, daß der dänische Elefantenorden ein sehr geschmackvoller Ordenist: Der aus weißem Email geformte Elefant trägt auf dem Kopf einen rotenTurm, und in seinen Augenhöhlen blitzen zwei Diamanten. Er ist auch einerder ältesten unter den großen europäischen Orden. König Christian I.stiftete ihn 1464.

In Flottbek und in Plön, in Altona und in Kiel, in Rantzau und in Caden,Die überall in Holstein drehten sich die meisten politischen Gespräche um dieSchleswig- Schleswig-Holsteinische Frage. Lord Palmerston äußerte einmal, dieseFrage habe niemand begriffen außer einem deutschen Professor, der abersei, als er der Welt das Ergebnis seines Nachdenkens hätte verkündenwollen, infolge geistiger Uberanstrengung leider verrückt geworden. Die inder Tat überaus schwierige und verwickelte Schleswig-Holsteinische Fragehat Fürst Bismarck benutzt, um die Herzogtümer von der dänischen Herr-schaft zu befreien, und damit den Weg gefunden zu der genialen Politik,die über Sadowa und Sedan nach Versailles führte und die deutsche Ein-heit herstellte, was vor ihm keinem geglückt war. Er erreichte sein Zieldurch die preußische Hegemonie, die sich verkörperte in der einheitlichenSpitze der Reichs- und der preußischen Regierung und in der preußischenArmee, bei voller und gewissenhafter Schonung der Rechte und Gefühleder Einzelstaaten auf föderativer Grundlage. Die Schleswig-HolsteinischeFrage, an der sich die Nationalversammlung von 1848, der deutsche Bundes-tag und alle europäischen Kabinette vergeblich versucht hatten, wurde fürden Genius die Handhabe, seine Ziele zu erreichen. Bismarck , der nie groß-artiger operierte als in den Jahren, die zwischen seiner Ernennung zumMinisterpräsidenten und dem Prager Frieden lagen, äußerte einmal zumeinem Vater, das sei eine jener Kraftproben gewesen, die man nur ein-mal im Leben ablegen könne.

Die Schleswig-Holsteinische Frage wurde akut, als bei allen europäischenVölkern, bei den einen früher, bei den anderen später, hier stärker, dortschwächer, das Nationalgefühl erwachte. Vorher verstand, um mit JohannHeinrich Voß zu reden, der dänische Pflüger den deutschen, dieser denDänen. Wie jede große geschichtliche Strömung hatte das Erwachen natio-naler Empfindungen nicht nur Licht-, sondern auch Schattenseiten: DieBeziehungen zwischen den europäischen Staaten wurden dadurch er-schwert. Es war leichter, zwischen den Kabinetten trotz ihrer Selbstsucht,ihrer Frivolität und ihrer Intrigen zu Kompromissen und Verständigungen