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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
Entstehung
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TRENNUNG VON DÄNEMARK

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zu gelangen als zwischen erhitzten, leidenschaftlichen und oft blindenVölkern. An der Uberspannung des Nationalitäten-Prinzips ist die öster-reichische Monarchie zugrunde gegangen, und das Deutschtum hat dabeiweite und wertvolle Gebiete in Böhmen, in Krain, in Ungarn und Kroatien ,in Galizien und in der Bukowina verloren. Die Schwäche des deutschenNationalgefühls führte dazu, daß der Deutsche im Nationalitätenkampfwie mit den Romanen und den Magyaren so auch mit den Polen und denTschechen meist unterlag.

In Dänemark standen sich seit 1848 zwei Richtungen gegenüber: DieGesamtstaatspartei wollte die Erhaltung der dänischen Monarchie in ihremganzen Bestand, sie wollte Holstein der dänischen Krone erhalten und zudiesem Zweck in Schleswig deutsche Gefühle und Rechte schonen. Dergrößte Teil des dänischen Adels, der vielfach deutschen Ursprungs ist, diemeisten Beamten, Industrie und Handel gehörten dieser Richtung an. Diesogenannten Eiderdänen legten auf Holstein kein Gewicht, sie wollten esebenso wie Lauenburg am Uebsten abstoßen, dagegen Schleswig bis zurEider danisieren. An ihrer Spitze stand der leidenschaftüche Orla Lehmann ,ein deutscher Renegat, Vetter des Begründers der Deutschen NationalenPartei in Holstein, Theodor Lehmann. Auch in Rußland und in Polen , inUngarn und in Böhmen befanden und befinden sich unter den Bekämpferndes Deutschtums nur zu oft abtrünnige Deutsche .

Im Herbst 1862 entschloß sich mein Vater, seinen Abschied als dänischerGesandter einzureichen, da er mehr und mehr die Überzeugung gewann, Abschied desdaß er bei dem wachsenden Einfluß der eiderdänischen Richtung seine Vaters ausPflicht als dänischer Gesandter nicht mehr mit seiner deutschen Natio- dünis(hennalität und Gesinnung vereinigen könne. Nachdem er König Friedrich VII. persönlich sein Entlassungsgesuch überreicht hatte, sagte er, nach Flottbekzurückgekehrt, meinem Bruder Adolf und mir nach der Morgenandacht:Ich habe meinen Abschied aus dänischen Diensten genommen, damit seidihr ganz und endgültig Deutsche geworden. Was das für euch undeure Zukunft bedeutet, wißt ihr jetzt noch nicht, ihr werdet es aber späterbegreifen." Ich kann nicht sagen, daß mein Bruder und ich durch dieseMitteilung sehr ergriffen wurden. Wir hatten uns immer nur als Deutschebetrachtet, sprachen kein Wort Dänisch und waren nie in Kopenhagen ge-wesen, das ich erst zehn Jahre später zum erstenmal sah. Von der dänischenGeschichte wußten wir nur, daß Gorm der Alte die Reihe der dänischenKönige eröffnet, daß Knuth der Große England erobert hatte, daß derDanebrog vom Himmel fiel und daß seit langer Zeit alle dänischen Königeabwechselnd Friedrich und Christian hießen.

Über den Verlauf seiner Audienz bei König Friedrich VII. hat meinVater uns später berichtet. Der König empfing ihn in Flensburg . Mein Vater

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