DER RUF NACH STRELITZ
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sprach. Er fragte meinen Vater, warum er weggehen wolle. Er bitte ihn, zubleiben, denn er sei ein guter Kopf. Auch die dänischen Minister wünschten,daß er bliebe, obwohl sie wüßten, daß er ein Gegner der eiderdänischenRichtung sei, der die meisten von ihnen angehörten. Mein Vater ent-gegnete, daß er aus zwei Gründen nicht bleiben könne. Einmal könne er alsDeutscher die Danisierungs-Politik der Eiderdänen in Schleswig nichtlänger mitmachen. Dann aber sei er überzeugt, daß diese Politik derKopenhagener Demokraten zum Kriege mit den deutschen Großmächtenführen werde, der die Zertrümmerung der alten und ehrwürdigen dänischenGesamtmonarchie bedeute. „Seien Sie unbesorgt", entgegnete Fried-rich VIL, „blicken Sie auf diesen Tisch. Die drei kleinen Bleistifte bedeutendie Österreicher, die Preußen und die anderen deutschen Bundesstaaten,die gegen mich anrücken. Die zwei großen Bleistifte bedeuten das Dane-virke und die Düppler Schanzen, wo ich sie erwarten und schlagen werde."Der König blieb hartnäckig bei dieser seiner Auffassung. Trotz seinerSonderbarkeiten und Schwächen war Friedrich VII. im eigentlichen Däne-mark sehr populär. Er war seit der Thronbesteigung des oldenburgischenHauses der erste national-dänische König. Mit Rücksicht darauf wurdenihm sowohl seine häuslichen Verhältnisse wie seine Trunksucht verziehen.
Einige Monate nachdem mein Vater seinen Abschied aus dänischenDiensten in allen Ehren, mit dem Großkreuz des Danebrogordens und der Übertrittdänischen Exzellenz, erhalten hatte, Heß der Großherzog von Mecklen- nachbürg-Strelitz bei ihm anfragen, ob er geneigt wäre, die durch den Tod Mecklenburg des Ministers von Bernstorff in Neustrelitz vakant gewordene Stellung desStrelitzer leitenden Ministers zu übernehmen. Der Großherzog hatte durchhessische und dänische Verwandte von meinem Vater gehört, war diesemauch einmal in Rumpenheim persönlich begegnet. Mein Vater besprach denAntrag eingehend mit meiner Mutter und vor uns Kindern, während wirnach Tisch um die Lampe saßen. Er hob die Nachteile und die Vorteile desneuen Postens hervor. Ein kleines Nest wie Neustrelitz , das kaum sieben-tausend Einwohner zähle, würde nach dem bewegten und interessantenLeben in Frankfurt nicht gerade anregend sein. Er habe nach seiner Schul-und Universitätszeit nur in großen Zentren gelebt: Kopenhagen, Paris ,London, Hamburg, Frankfurt . Aber auch ein stilles Leben habe seine Vor-züge. Langweile sei gut für die Nerven. Er wolle sich nicht auf Cäsar be-rufen, der lieber der Erste in einem Dorf als der Zweite in Rom sein wollte,aber er meine, daß auch der kleinste Kreis, wenn man ihn wohl zu pflegenwisse, kostbare Früchte gewähren könne. Daß in Strelitz ein gutes Gym-nasium für die Söhne wäre, käme auch in Betracht, und endlich sei Meck-lenburg die Wiege seiner Familie. So wurde der Ruf nach Strelitz ange-nommen.