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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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LANDTAG IN MECKLENBURG

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die Kultur, die alle Welt beleckt, sich, wenn auch schüchtern, bis Neu-Strelitz gewagt. Zwar die Verfassungszustände in Mecklenburg waren nochrecht verschieden von denen im übrigen Deutschland. Mecklenburg erfreutesich einer mittelalterlich-feudalen Verfassung und war deshalb die Betenoire des deutschen Liberabsmus. In Wirklichkeit urteilte der Liberabsmushier wie in manchen anderen Fällen nach abstrakten Theorien, an die er sostarr glaubt wie Buchstaben-Christen an ihre Dogmen. Einer der bekann-testen Staatsrechtslehrer der fünfziger Jahre hatte dagegen die Behauptungaufgestellt, Mecklenburg habe die beste Verfassung in Deutschland . Auchmein Vater war ein Freund und Verteidiger ständischer und korporativerVertretung. Ich selbst habe nie ein Hehl daraus gemacht, daß ich in derPolitik nicht an Dogmen glaube. Ich sei kein Fetischanbeter und triebekeinen Götzendienst, sagte ich einmal im Reichstag. Gegenüber FriedrichNaumann , der ein Doktrinär vom reinsten Wasser war und den Glaubenan Dogmen aus seiner Pastorenzeit in die Pobtik mitgebracht hatte, wiesich darauf hin, daß die Wohlfahrt und die Freiheit eines Landes nicht aus-schbeßbeh oder auch nur überwiegend abhinge von der Form seiner Ver-fassung oder gar von seinem Wahlrecht.Glauben Sie wirkbeh", frug ich,daß das von dem Abgeordneten Naumann so sehr perhorreszierte Mecklen-burg viel schlechter regiert wird als das ganz demokratische Haiti ?"*

Mein Vater wohnte in jedem Jahr den Sitzungen des mecldenburgischenLandtags bei, der sich abwechselnd in Malchin und in Sternberg Malchin versammelte. Ich lernte auf diese Weise beide Städtchen kennen, da ich unt *meinen Vater in dem einen wie in dem anderen Ort gelegentbch besuchen "Idurfte. Malchin lag an einem anmutigen See, in einer hübschen Gegend, dieder gute Mecklenburger nicht ohne Stolzdie Mecklenburgische Schweiz"nennt. Sternberg besaß eine im Anfang des vierzehnten Jahrhundertserbaute, der heibgen Maria und dem heibgen Nikolaus geweihte Kirche,ein schöner, dreischiffiger, frühgotischer Hallenbau. In der Turmhalle derKirche ist ein Fresko zu bewundern, das einen in der Reformationszeit ander Sagsdorfer Brücke bei Sternberg abgehaltenen mecklenburgischenLandtag darstellt. Die Freske ist umrahmt von den Wappen der ein-geborenen mecklenburgischen Famiben, darunter auch die vierzehn Kugelndes Bülowschen Wappens.Vierteyn Klump in enen Schapen , Seyn datreckte bülowsch Wapen" lautet ein alter Spruch im Lande Mecklenburg .Das jetzt so friedbehe Städtchen Sternberg war leider im Mittelalter derSchauplatz einer schaurigen Freveltat geworden. In der Stadt war dasGerücht verbreitet worden, daß Juden sich derMarterung" von Hostienschuldig gemacht, d. h. Hostien mit einer Nadel durchstochen hätten.

* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, S. 127; Kleine Ausgabe V, S. 59.