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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DER PARK VON NEU-STRELITZ

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fahrer erblickt ihn schon, wenn er noch fünf oder sechs Meilen von der Küsteentfernt ist. Das hörte ich als Knabe, und später hat es mir mein lieberFreund, der Poet Adolph Wilbrandt, bestätigt, der ein Rostocker Kind war.Und dann war in Rostock in der Altbettelmönchstraße der FeldmarschallBlücher geboren, dem Meister Gottfried Schadow ein herrliches Denkmalerrichtet hat. Held Blücher steht da, wie er im Herzen des deutschen Volkeslebt: In der vorgestreckten Rechten den Marschallstab, die Linke am Griffdes Schwertes, der Unke Fuß vorwärts. Die Inschrift lautet:Dem Fürsten Blücher von Wahlstatt die Seinen." Auf der Rückseite stehen die schönenVerse von Goethe :

Im Harren und Krieg,

In Sturz und Sieg

Bewußt und groß,

So riß er uns vom Feinde los.

; Wismar, an einem Busen der Ostsee gelegen, konnte sich als Seehafennicht mit Rostock messen, aber interessanter als Strelitz war es doch, schonweil in seiner Marienkirche ein Gitter zu sehen war von so wunderbarerArbeit, daß die Sage ging, bei seiner Herstellung habe der fff Gottseibeiunsin eigener Person dem Schmied geholfen. Dieses Gitter habe man nie nach-ahmen können, es sei so kunstfertig gearbeitet, als ob Stricke ineinander-geflochten wären. Selbst das nicht weit von Neustrelitz gelegene, ummauerteund umwallte Friedland , die zweite Stadt im Großherzogtum Strelitz, regteunsere Phantasie mehr an als die Hauptstadt des Landes, unser neuerWohnsitz.

Neustrelitz , erst 1730 erbaut, hat die Form eines achtstrahligen Sterns.Die Idee der ganzen Anlage ist ungefähr wie die des zu gleicher Zeitentstandenen Karlsruhe, dem auch fürstlicher Wille die Entwicklung inmehr symmetrischer als malerischer Richtung vorschrieb. Acht Straßenlaufen vom Strelitzer Marktplatz aus, auf dem sich das Denkmal desGroßherzogs Georg erhebt, des Vaters der Königin Luise. Von diesen achtStraßen war aber, wenigstens in meiner Jugend, die eine leider verbaut,eine andere lief nicht in gerader Richtung, was bedauerlicherweise denGesamteindruck störte. Der Stolz der Neustrelitzer war der Schloßgartenmit herrlichen Linden- und Kastanienalleen, die ihn mit der Schloßkoppelverbanden, einem großen Park an den Ufern des Zierker Sees, mit schattigen,lauschigen Wegen.

In diesem Park habe ich manchen schönen Frühlingsmorgen verbrachtmit meiner kleinen Freundin Hanne, eines Gärtners Töchterlein. Wirneckten uns, wir spielten zusammen, wir pflückten Blumen, wir küßten uns,wir badeten im klaren See, so unschuldig wie Daphnis und Chloe in dem