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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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FAHRTEN ÜBER LAND

Hirtenroman des Longos, der das Entzücken von Goethe und von Stendhal erregt hat. In dieser idyllischen Schloßkoppel hat sich ein halbes Jahr-hundert später der letzte Großherzog von Mecklenburg-Strelitz erschossen,aus unglücklicher Liebe zu einer italienischen Sängerin, einem dämonischenWeibe, das ihn weder erhören noch loslassen wollte. Mein gutes kleinesHannchen war, Gott sei Dank, keinefemme fatale ", wie die Franzosendas nennen. Ich bewahre ihr ein freundliches Andenken.

In guter Jahreszeit fuhren meine Eltern zu Verwandtenbesuchen überLand, und wenn es die Schule erlaubte, durften mein Bruder Adolf und ichsie begleiten. Wir fuhren mit zwei schlanken Braunen, die wir Kleobis undBiton genannt hatten, zu Ehren der beiden herrlichen Jünglinge aus Argos,die der weise Solon dem unweisen König Krösos als wirklich glücklicheMenschen gerühmt hatte, wie uns das Herodot im Ersten Buch seinerGeschichte berichtet. Mein Urgroßvater, der mecklenburg-schwerinscheOberhofmarschall Bernhard Joachim von Bülow , war zweimal verheiratet:in erster Ehe mit Elisabeth von der Lühe, aus dem Hause Barnekow, inzweiter Ehe mit Charlotte von Oertzen, aus dem Hause Gorow, DieOertzen und die Lühe gehören wie die Bülow zu den Familien, die damalsdie eingeborenen Familien genannt wurden. Sie gehören, wie meineFamilie, dem mecklenburgischen Uradel an. Von den Schwestern meinesGroßvaters hatte die eine sich mit einem Herrn von Engel auf Breesen , dieandere mit einem Freiherrn von Meerheimb auf Wokrent vermählt. Diesebeiden Familien waren durch den Degen hochgekommen. Oberst HansJoachim Engel war von dem Schwedenkönig Karl XL geadelt und darauf-hin in den mecklenburgischen Adel rezipiert worden. Heinrich Mehr, eintüchtiger Mann, der es in kursächsischen Kriegsdiensten vom Trompeterbis zum General gebracht hatte, war von Kaiser Leopold in den Reichs-freiherrnstand erhoben und gleichfalls rezipiert worden.

Bei jenen Besuchen imponierte mir, was unsere mecklenburgischenVerwandten und Freunde im Essen leisten konnten.Aet du man langsam,min Sön, du glövest nick, wat sich dahldrucken lätt", war eine Mahnung,die der mecklenburgische Bauer gern an seinen Sohn richtete. Die Reihen-folge der täglichen Mahlzeiten eines mecklenburgischen Landmannes wurdeuns wie folgt geschildert: Ganz früh, ehe er aufs Land geht, nimmt er einreichliches Frühstück zu sich, um acht Uhr folgt ein zweites Frühstück,Hochimpt" oderKleinmittag" genannt, ebenfalls reichlich, begleitet vonBier oder Branntwein. Wenn er dann wieder zur Arbeit geht, nimmt ervorsichtigerweise ein tüchtiges Butterbrot mit, für den Fall, daß demMagen flau werden sollte. Um zwölf folgt die Hauptmahlzeit, die ausRindfleisch, Speck, Schinken, Kartoffeln, Hülsenfrüchten usw. besteht,auch aus frischen Gemüsen der Jahreszeit, die aber als Sättigungsmittel