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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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HUNDERTTAUSEND TALER

Von solcher Überspannung war der Großherzog von Mecklenburg-Strelitz weit entfernt. Er war eine nüchterne Natur mit ausgesprochenemVerständnis für Finanzfragen. Zweimal im Jahre beschied er seinenBerliner Bankier Helfft nach Strelitz und gab ihm seine Instruktionen, diemeist zu sehr glücklichen Börsenoperationen führten. Das Bild, das sich derblinde Mann auf Grund der ihm vorgelesenen Zeitungen von der Weltlagemachte, war fast immer richtig. Er hat ein sehr großes Vermögen hinter-lassen, wozu freilich auch sein Geiz beitrug. Als er seine goldene Hochzeitfeierte, schenkte er jedem seiner Untertanen einen Taler. Da sein Landkaum hunderttausend Einwohner zählte, kostete der Spaß dem reichenLandesherrn nur hunderttausend Taler. Nationale Gesinnung imheutigen Sinne des Wortes fehlte dem Großherzog. Er war strengerLegitimist, in allem konservativ gerichtet und im Grunde der Ansicht, daßman sich in Deutschland nach dem zu richten habe, was in London und inSt. Petersburg gewünscht werde. Sein einziger Bruder, der Prinz Georgvon Strelitz , hatte die russische Großfürstin Katharina Michaelownageheiratet und war in russische Dienste getreten. Der Großherzog selbstwar mit einer englischen Prinzessin, der Tochter des Herzogs von Cambridge,vermählt. Der Vater wie der Bruder der Großherzogin waren englischeFeldmarschälle. Von seiner Verwandtschaft mit dem englischen Königshauswar der Großherzog so begeistert, daß alle StreHtzer Hofleute, Kammer-herren und Kammerjunker, wenn sie den Frack mit goldenen Knöpfen, densogenannten Chiffrefrack, anzogen, auf den Knöpfen die Devise des Hosen-bandordensHonny soit qui mal y pense" tragen mußten. Wenn derGroßherzog sagte, dieses oder jenes habe der Zar gewünscht, so war es, alsob der Hebe Gott gesprochen hätte. Für Osterreich empfand er den Bespekt,den wohlerzogene Leute einem bejahrten, sehr würdigen Großonkelentgegenbringen. Preußen mochte er nicht, obschon die Königin Luise, eineder edelsten Frauen aller Zeiten, eine der rührendsten Erscheinungen derdeutschen Geschichte, dem StreHtzer Hause entsprossen war und in demStreHtzer Schloß Hohenzieritz ihre schönen Augen geschlossen hatte.Die Großherzogin Augusta war engHsch bis in die Fingerspitzen, übrigensGroßherzogin eine groß angelegte Natur, mit Verständnis für Kunst, namentHch für Musik.Augusta Sie war die leibHche Tante der Königin Mary von England . Die Mutter desGroßherzogs, die damals fast siebzigjährige Witwe des Großherzogs Georg ,war eine Tochter des Landgrafen Friedrich von Hessen. Trat sie herein, solebte die ganz alte Zeit wieder auf. Ihr 1837 mit neunzig Jahren ver-storbener Vater hatte noch Friedrich den Großen und Maria Theresia , dieKaiserin Katharina II. und Louis XV gekannt. Ihr Gemahl war der Bruderder Königin Luise von Preußen. Ihre einzige Tochter, die Herzogin KaroHne,war die geschiedene Frau des Königs Friedrich VII. von Dänemark, und