DIE JUNKER
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ihre Melancholie wurde auf die trüben Erlebnisse ihrer Ehe mit einemTrunkenbold und Sonderling zurückgeführt. Sie war eine feine, stille Dame,in ihrer Art auch eine schöne Seele.
Mit dem Erbgroßherzog, der nur ein Jahr älter war als ich, verbandmeinen Bruder Adolf und mich herzliche Freundschaft. Er war ein guter,verständiger, frischer Junge, mit dem wir schöne Fußwanderungen unter-nahmen und gemeinsam Tanzunterricht genossen. Wir tanzten nicht nurWalzer, Polka und Polka-Mazurka, Franchise und Lancier, sondern auchMenuett. Ich finde noch heute das Menuett graziöser und ästhetischer alsJimmy und Foxtrott.
Im Strelitzer Gymnasium, dem Gymnasium Carolinum, wurden wir,mein Bruder Adolf und ich, in die Untersekunda aufgenommen. Unsere Dosneuen Mitschüler kamen uns mit herzlicher Freundschaft entgegen. Sie Strelitzersprachen untereinander Plattdeutsch, das mich noch heute anheimelt, wenn Gymnasüich seine Heben Laute höre. Wir hatten unseren Strelitzer Schulkameradenvieles Neue zu erzählen und ihnen manches zu schildern, was sie nichtkannten. Sie gestanden uns, daß sie noch keinen Berg gesehen, auch nochnie einen Esel erblickt hätten, wenigstens keinen vierbeinigen. Sie warennoch nie mit einer Eisenbahn gefahren. Daß wir im Taunus den Feldbergbestiegen hatten, auf Eseln nach Falkenstein und Königstein geritten unddaß wir gar von Frankfurt bis Hamburg mit der Eisenbahn gefahren waren,imponierte sehr, oder vielmehr es imponierte „bannig", wie man sich aufplatt ausdrückt. Wir waren die einzigen Adligen in der Klasse und wurdendeshalb „die Junker" genannt. Selbstverständlich ohne die anzüglicheNebenbedeutung, mit der die Bezeichnung „Junker" von angeblich liberalGesinnten einem ganzen Stande angehängt wird, der dem Vaterland seitGenerationen tüchtige und hervorragende Männer geschenkt hat, Männer,um nur einige herauszugreifen, wie Bismarck, wie Hindenburg , wieHardenberg, wie Blücher und Moltke, Seidlitz und Zieten, wie Werder undGöben, wie Heinrich von Kleist und Ulrich von Wilamowitz-Möllendorf ,wie Hans von Bülow, Detlev von Liliencron und noch viele andere.
Unserem Klassenlehrer, Professor Ladewig, verdanke ich das Ver-ständnis für Virgil. Gewiß, ich stelle Virgil nicht auf eine Stufe mit demblinden Sänger, dessen Geburtsort sieben hellenische Städte sein wollten."OpjQoq leset xal öiavoia Jtdvraq vjieQße'ß?.r/xe rühmt Aristoteles . Undselbst der Lateiner Quintilian muß zugeben: „Hic omnes sine dubio, et inomni genere eloquentiae procul a se reliquit." Aber auch der Dichter derAeneis, der Eclogen und der Georgica gehört auf den Gipfel des Parnaß.Er verdient mehr Verständnis, als ihm in Deutschland im allgemeinenentgegengebracht wird. Um solches Verständnis zu erleichtern, hatteProfessor Ladewig die Aneide mit sachkundigen Erläuterungen und