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EIN SCHULFREUND
scharfer Wind zu wehen pflegt. Das gilt von den Höhen des Lehens wie vondieser ldeinen Anhöhe." Mein Vater sagte mir auch einmal: „Wer Alt-Strelitz in Ordnung halten kann, wird auch mit Neu-Strelitz fertig werden.Und wer das Zeug für das Großherzogtum Mecklenburg-Strelitz hat, dermag auch ein größeres Land regieren. Es sind dieselben Eigenschaften, diehier und dort verlangt werden. Es ist im Grunde einerlei, ob du mithölzernen, mit silbernen oder mit goldenen Figuren Schach spielst."
Alt- Strelitz war noch kleiner als Neu-Strelitz, es hatte kaum zweitausendEinwohner. Amts- und Stadtrichter in Alt-Strelitz war der Vater meinesSchulfreundes Wohlfahrt, der am selben Tage geboren war wie ich. Wirsind durch unser ganzes Leben Freunde geblieben. Ewald Wohlfahrt war,nachdem er ein gutes Referendar- und ein noch besseres Assessor-Examenabgelegt hatte, Bürgermeister von Alt-Strelitz geworden. Als er sich indieser Stellung bewährt hatte, rückte er zum Bürgermeister von Neu-Strelitz auf. Als er auch diese Stufe der Leiter erklommen hatte, schrieb ermir, nun bliebe ihm kaum noch etwas zu wünschen übrig. Die Vorsehungmeinte es aber so gut mit ihm, daß er nach mehrjähriger Tätigkeit alsBürgermeister von Neu-Strelitz großherzoglicher Hofrat wurde Da ließ ersich in einer schönen Uniform photographieren und schickte mir sein Bild.Ich hielt ihn damals für einen der wenigen wirklich zufriedenen Menschen,die mir begegnet sind.
Aber ich hatte ohne den Weltkrieg und ohne den Zusammenbruchdes alten, glücklichen Deutschland gerechnet, die auch in diesen stillenWirkungskreis eingriffen. Mein Freund Wohlfahrt litt nicht nur alstreuer Patriot, der er war, unter dem Unglück des Vaterlandes, sonderner mußte mit ansehen, wie vieles, was er in seinem kleinen Kreise mitVerständnis und Liebe gehegt und gepflegt hatte, durch den Umsturzzerstört wurde. Er schrieb mir darüber im Frühjahr 1923: „Wenn Du vorJahren einmal wieder nach Strelitz gekommen wärst, würdest Du Dich inder alten Residenzstadt, in welcher Zucht, Ordnung und Sauberkeitherrschten, wohlgefühlt haben. Jetzt aber würdest Du Dich wundern überdie traurigen Zustände, welche hier seit 1919 bestehen. Ich bedauere, meinLeben hier beschließen und täglich sehen zu müssen, wie das, was ich mitMühe und Sorgfalt aufgebaut habe, nunmehr in kurzer Zeit niedergerissenund zerstört wird. Diejenigen, welche ehemals begierig nach einem Bücke,einer Anrede Serenissimi haschten, sind jetzt die eifrigsten Anhänger derRepublik und haben schnell vergessen, was wir unserem Fürstenhauseschulden an Dank für das, was sie einst getan, und an Mitgefühl für das,was sie jetzt leiden müssen. Es ist wahrlich kein Vergnügen für mich, denehemaligen Consul loci, das alles sehen und fühlen zu müssen, und nicht nureinmal, sondern täglich."