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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
Entstehung
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FRITZ REUTER

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Eine große Freude war für uns in Strelitz das Reiten. Wir wurden, meinBruder Adolf und ich, auf die Hengste des Landgestüts gesetzt undtummelten sie in der großherzoglichen Reitbahn. Die Hengste waren nichtleicht zu reiten: sie schlugen aus, sie scheuten, sie bockten, sie schrammten,vor allem aber hebten sie zu steigen. Wir hielten uns dann an der Mähneder großen Tiere fest und boten das Bild kleiner Äffchen, die sich an einenZweig klammern. Wir wurden aber auf diese Weise früh zu firmenReitern. Wir brachten es so weit, daß wir die Hengste auch ohne Bügelritten, erst auf Decke, dann auf englischem Sattel. Ohne Bügel zu reiten,befördert wie kein anderes Mittel die Fertigkeit, Sitz und gute Haltung aufdem Rücken des Pferdes zu behaupten und es richtig zu lenken. Ein anderesVergnügen war das Schlittschuhlaufen, das wir bei der Strenge des mecklen-burgischen Winters monatelang treiben konnten. Als ich einmal mit meinemBruder Alfred über das Eis des Zierker Sees hinflog, brach ich plötzlich ein.An einer Stelle, wo auf dem Grunde des Sees eine warme Quelle sprudelte,hatte die Eisdecke nicht die Stärke gehabt, mich zu tragen. Das Wasserreichte mir bis fast an den Mund, ich stampfte mit den Füßen, um nichtunterzugehen, und rief meinem Bruder zu, sich auf den Bauch zu legen undmir den langen Schal zuzuwerfen, den er um den Hals gewickelt trug.Auf diese Weise zog er mich zu sich hin, bis ich eine Stelle erreicht hatte,wo die Eisdecke wieder fest war und uns beide tragen konnte. Dann setztenwir unseren Eislauf in noch schärferem Tempo fort, erquickten uns amgegenüberhegenden Ufer durch einen heißen und sehr steifen Grog, denman, wenigstens damals, als das Nationalgetränk der Mecklenburgerbezeichnen konnte, und kamen ohne Schnupfen davon.

Unsere Eltern ließen uns nach Herzenslust Ausflüge in die Umgebungund auch längere Fußwanderungen unternehmen. Bei einer dieser Wände- Ncu-rungen kamen wir nach dergauden Stadt Nigen-Bramborg". In einer Brandenburgkleinen Wirtschaft der Stadt Neu-Brandenburg wurde uns Fritz Reuter gezeigt. Er saß, den Kopf in beide Hände gestützt, schwer betrunken voreinem hölzernen Tisch, auf dem viele leere Flaschen standen. Man weiß,daß Reuter während der langen Festungshaft, die er auf Grund derunsinnigen Karlsbader Beschlüsse durchzumachen hatte, dem Trünkeverfallen war.

Der Anfang, das Ende, o Herr, sie sind dein!Die Mitte dazwischen, das Leben, war mein.Und irrt' ich im Leben und fand mich nicht aus,Bei dir, Herr, ist Klarheit, und licht ist dein Haus

hat Fritz Reuter kurz vor seinem Tode in ein Stammbuch geschrieben.Seineleiwen Landslüt, die Landslüt von Meckelnborg und Pommern",