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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
Entstehung
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IN FRANCKES HAUS

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werden, daß sie wandeln und nicht müde werden." Im Geiste diesesBibelspruchs hatte der 1663 in Lübeck geborene, 1727 in Halle verstorbeneAugust Hermann Francke 1698 seine Stiftung ins Leben gerufen, ein Werk,dem im ganzen Bereich der evangelischen Kirche kein zweites gleichkommt.Als er einmal in der an seiner Wohnung angebrachten Armenbüchse siebenGulden fand, meinte er hocherfreut:Das ist ein ehrlich Kapital, davonmuß man was Rechtes stiften!" Er fing damit an, eine Armenschule zubegründen. Weil aber zum Unterricht auch die Erziehung treten müsse,faßte er den Gedanken eines Waisenhauses, zu dem 1698 der Grundsteingelegt wurde und das den Kern bildete, um den sich alles übrige kristalli-sierte: zwei Gymnasien, das Königliche Pädagogium und die LateinischeHauptschule, eine Realschule, eine Töchterschule, eine Bürger- und eineFreischule, die große Cansteinsche Bibelanstalt , aus der die Bibel stammt,die ich zu meiner Konfirmation erhielt und die ich noch heute benutze, eineMission, eine Buchhandlung, Apotheke usw. Das Haus, in dem das Pädchenuntergebracht war, stammte aus der Franckeschen Zeit und war eintüchtiger, unverwüstlicher Fachwerkbau. Vor dem Pädagogium stand dasvon Rauch modellierte Erzbild des Glaubenshelden Francke. Aus demPädagogium waren der fromme Stifter der Brüdergemeinde, Graf NikolausZinzendorf, und der weniger fromme Dichter Gottfried August Bürger , derOberpräsident .von Westfalen Vincke, einer der besten preußischen Be-amten aller Zeiten, hochverdient um die Erhebung Preußens nach Jena,der Universitätskanzler Niemeyer, Schüler und später Direktor derFranckeschen Stiftungen, die Dichter Albert Knapp , Houwald undGöcking hervorgegangen.

An der Spitze des Pädagogiums stand der Direktor Kramer. Er warder Schwiegersohn des Schöpfers der vergleichenden Erdkunde, Karl DirektorRitters. Er war ein gewissenhafter und gerechter Lehrer und Leiter, aber Krämeres war ihm nicht gegeben, in ein näheres Verhältnis zu seinen Schülern zutreten, ihre Herzen zu erschließen und zu gewinnen. Mein Verhältnis zuihm bbeb kühl vom Tage meiner Aufnahme in das Pädchen bis zu meinemAustritt. Schon das Hüsteln und Räuspern, mit dem Kramer jeden vonihm gesprochenen Satz begleitete, schien Intimität abzuwehren. In derHand trug er meist ein goldgefaßtes Augenglas, das ihm etwas Distin-guiertes, aber auch etwas gab, was Vertraulichkeit entfernte. Wie seinSchatten folgte ihm ein behäbiger Mann im blauen Frack mit blankenKnöpfen, der Schuldiener Küniger, der das schönste Sächsisch sprach, dasich außer aus dem Munde des Königs Friedrich August III. je gehört habe.Unser Ordinarius Dryander war ein waschechter Philologe. Er entstammteeiner alten Hallenser Gelehrten-Familie, die ihren ursprünglichen NamenEichmann " gräzisiert hatte. Aus ihr ging auch der in allen Lebenslagen