Druckschrift 
4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
Entstehung
Seite
74
Einzelbild herunterladen
 

74

DER KATER ERNST

als treu und tapfer bewährte Oberhofprediger Ernst von Dryander hervor.Der Ordinarius Dryander plagte uns redlich mit griechischer Grammatik,mit dem verflixten Aorist, mit dem Optativ und ähnlichen zur Qual einesGymnasiasten erfundenen Marterwerkzeugen. Seine Akribie verleidete miroft die Freude an den bei ihm gelesenen alten Schriftstellern. Aber ich binihm dankbar, daß er mich nötigte, eine größere Anzahl horazischer Odenauswendig zu lernen. Mein Vater pflegte zu sagen:Wohl dem Mann, derin seiner Jugend viel auswendig lernte und viel abschrieb." Ich bin dergleichen Ansicht. Was man in der Jugend dem Gedächtnis hat einprägenmüssen, das bleibt haften. Es ward ein Krfjfia ig ast, um eine herrlicheWendung des Thucydides zu gebrauchen. Was das Abschreiben angeht, sowar mein Vater der Meinung, daß das beste und sicherste Mittel, sich einenklaren und damit einen schönen diplomatischen Stil im Deutschen wie imFranzösischen und Englischen anzueignen, das Kopieren gut geschriebenerBerichte sei.

Keiner meiner Lehrer hat annähernd einen so großen Einfluß auf meineProfessor Entwicklung gehabt wie der Inspector adjunctus am Königlichen Päd-Daniel agogium zu Halle, Professor Dr. Hermann Adalbert Daniel , der Geographund Theologe. Er ist wohl der Mann gewesen, der mich neben meinem Vaterin meiner Jugend am stärksten beeinflußt hat. Er war körperlich eine merk-würdige Erscheinung. Ein gewaltiger Schmerbauch, verhältnismäßigschwache Beine und kleine Arme gaben ihm etwas Unbeholfenes. Er hatteden schwankenden und schlürfenden Gang einer Ente und wurde von denSchülern, bei denen er sehr beliebt war, mit gutmütigem Scherz derWatschel" genannt. Der Kopf, von lang herabhängendem weißem Haarumrahmt, war bedeutend. Aus den Augen sprach Güte, Liebe und Ver-ständnis, sprach vor allem ein hochfliegender und echter Idealismus. Danielhat sich viel mit mir beschäftigt, und sein Bild steht nach fast sechzigJahren lebendig vor mir. Ich hätte beinahe gesagt: er liegt vor mir. Deralte Professor lag meist auf einem verschlissenen Sofa, und auf seinemBauch ruhte sein schwarzer Kater, der in Halle jedem bekannteschwarzeErnst". Ihm zu Ehren hatte Daniel zur Rechtfertigung des oft verleum-deten Katzengeschlechts ein lehrreiches, in Leipzig erschienenes Buch ge-schrieben. Daniel hat mich mit einer Reihe der herrlichsten Schöpfungender Alten, die außerhalb des Schulprogramms lagen, vertraut gemacht,immer kursorisch, ohne mich unnötig mit Grammatik zu plagen. Wir lasendie meisten Dramen von Sophokles , denPrometheus" und diePerser"von Äschylos, die Apologie und einige Dialoge von Plato . Daniel bestärktemich in meiner Liebe für Homer und Herodot , ließ sie aber beiseite, da michmein Vater bereits zu deren Verständnis geführt hatte. Vor allem pflegte er,wie vor ihm schon mein Vater, mein lebhaftes Interesse für Geschichte,