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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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CLASSEN-KAPPELMANN

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gerichteten Frauen mit Rosen und Vergißmeinnicht bekränzt worden sei.Vielleicht befand sich unter diesen Damen die eine oder die andere, die nachdem Attentat auf Walter Rathenau weniger milde über Mordversucheurteilte.

Während die Hauptstadt der Schauplatz so dramatischer Szenen war,verfolgten wir Schüler des Pädchens mit unbeschreiblicher Spannung den AdressenGang der Ereignisse. Wir waren empört, daß Magistrat und Stadtverordnete der Städteeiner ganzen Anzahl preußischer Städte Adressen an den König richteten,in denen sie einen gründlichen Wechsel des Systems wie der Personen derRegierung und die Entlassung des Ministerpräsidenten verlangten und vorallem sich gegen den Krieg wandten. Die Stettiner jammerten, daß Preußen ,von den Sympathien aller Deutschen verlassen, vom Ausland mit Schaden-freude betrachtet, mißmutig und zwieträchtig dastehe und nimmermehrzu einem Erfolge gelangen werde. Stürmisch verlangten die Einwohner derKrönungsstadt Königsberg, daß die drohende Gefahr eines Bürgerkriegesdurch die Berufung neuer Männer gebannt würde. Die Handelskammernbliesen in dasselbe Horn. Namentlich in Köln war die Erregung sehr groß.Der dortige leitende Volksmann hieß Claßen-Kappelmann. Er war vorüber-gehend sehr populär. Wir lachten aber im Pädchen, als ein vom Rhein zurückkehrender Gast erzählte, die Kölner Jungen hätten ihren Humornoch nicht verloren und sängen auf den Volkshelden Claßen-Kappelmanndas Liedchen:

Der Mann, der uns noch retten kann,

Das ist der Claßen-Kappelmann.

Ich han ihn gestern noch in der Flora gesehn,

Da war er so besoffen, daß er nicht konnte stehn.

Auf den Rat des Ministerpräsidenten würdigte der König die Friedens-adressen keiner Antwort. Anders, als die Breslauer Gemeindevertretungeine Adresse an ihn richtete, in der sie zwar die Beendigung des Ver-fassungskampfes forderte und auf die in weiten Kreisen herrschende Ver-stimmung hinwies, aber gleichzeitig erklärte, Breslau , die Hauptstadtderjenigen Provinz, die zuerst und zunächst dem Kriege mit seinenWechselfällen ausgesetzt sei, werde an Opferwilligkeit wie im Jahre 1813so auch jetzt keiner anderen preußischen Stadt nachstehen. Könnte derFriede erhalten werden, so würden ihn Schlesien und Breslau freudigenHerzens begrüßen.Sollten aber die Gegner Preußens und Deutschlands ,wie es im Jahre 1850 geschehen, wieder eine Minderung der MachtstellungPreußens, wieder eine Demütigung Preußens erstreben, so wird Schlesien Heber alle Lasten und Leiden des Krieges auf sich nehmen, als die Lösungder historischen Aufgabe Preußens: die Einigung Deutschlands , wieder um