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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
Entstehung
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EIN ZERKNIRSCHTER POLIZEIPRÄSIDENT

zu sehr zu befürchten, daß er seiner Aufgabe erliegen und Deutschland vordem Schicksal Polens nicht schützen werde." Es folgten die spannungs-vollsten Tage und Wochen in der ruhmvollen Laufbahn des größten deut-schen Staatsmannes: Am 9. April stellte Preußen beim Frankfurter Bundes-tag den Antrag auf Reform der Bundesverfassung unter Mitwirkung einesaus allgemeinem Wahlrecht hervorgehenden Parlaments.

Am 7. Mai gab auf den von einem Vortrag beim König zurückkehrendenAttentat auf Ministerpräsidenten in der Mitte der Berliner Linden, schräg gegenüber derBismarck Russischen Botschaft, ein kleiner, schwarzhaariger, kaum zwanzigjährigerMensch rasch hintereinander zwei Revolverschüsse ab. Der Attentäter hießFerdinand Gohn. Er war der Stiefsohn des in London im Exil lebendenSchriftstellers Karl Blind , der wegen Teilnahme an den Freischarenzügenvon Struve und Hecker ins Ausland geflohen war, also ein waschechterDemokrat. Als er zum drittenmal zielte, sprang Bismarck auf ihn los. DerAttentäter schoß trotzdem wieder. Von Graf Bismarck gleichzeitig an derBrust und am rechten Faustgelenk gepackt, gelang es ihm, den Revolverin die Unke Hand zu nehmen und noch zwei Schüsse auf den Minister-präsidenten abzufeuern. Bismarck übergab den Verbrecher einigen Soldatendes gerade am Schauplatz des Attentats vorbeimarschierenden L Bataillonsdes 2. Garde-Regiments zu Fuß. Der Paletot des Ministerpräsidenten warvom Pulver der Schüsse versengt, von fünf Kugeln durchlöchert. Bismarck begab sich zu Fuß nach seiner Wohnung. Er hat das Mißlingen dieses Mord-versuchs immer nicht nur als eine besondere Gnade Gottes angesehen, dersein Leben wunderbar beschützt habe, sondern darin auch ein Zeichen er-blickt im Sinne des Bibelwortes:Fürchte dich nicht, denn Ich bin bei dir,weiche nicht, denn Ich bin dein Gott." Das hinderte ihn nicht, den Polizei-präsidenten von Bernuth, der sich eine Stunde nach dem Mordversuch ver-legen bei ihm meldete, vorwurfsvoll zu fragen, wie es möglich sei, daßUnter den Linden , am hellen Tage, gerade um die Zeit, wo er immer ausdem Palais des Königs zurückzukehren pflege, fünfmal hintereinander aufihn geschossen werden konnte, ohne daß sich ein Polizist blicken lasse. Sehrzerknirscht erwiderte Herr von Bernuth:Ich habe meinen Posten nurungern angenommen, ich habe mich lange gegen dessen Übernahme ge-sträubt." Der Ministerpräsident donnerte ihn an:Lange nicht langegenug!" Was Bismarck dem Polizeipräsidenten am meisten übelnahm, war,daß Cohn die Möglichkeit gelassen wurde, im Gefängnis Selbstmord zu be-gehen. Bismarck hätte es richtiger gefunden, wenn der Meuchelmörderöffentlich, auf dem Schafott, an Leib und Leben gestraft worden wäre, ihmselbst zur gerechten Strafe, anderen zum abscheulichen Exempel. Bismarck hat viele Jahre nach dem Attentat vom 7. Mai 1866 im Reichstag daraufhingewiesen, daß die Grabstätte des Attentäters Cohn von demokratisch