DAS WIENER
KABINETT
VERSPRICHT
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Seele Frankreichs sprach. Jedenfalls sprach aus ihr die Politik von Hein-rich II., Heinrich IV., Richelieu, Louis XIV , die Politik des Konvents undvon Napoleon I., die Politik von Poincare, Clemenceau und des MarechalFoch , die Auffassung der Mehrheit aller Franzosen, die Politik, welche dieMacht, die Wohlfahrt und die Größe Frankreichs auf die Schwäche undZersplitterung Deutschlands aufbaut. Natürlich fehlte es in der Rede vonThiers nicht an der Behauptung, daß Preußen die Unabhängigkeit derDeutschen bedrohe, die schon von den Bourbonenkönigen in Schutz ge-nommene „deutsche Libertät", daß es ein neues germanisches Reich be-gründen wolle, das für Europa bedrohlich, für Frankreich unerträglich seinwürde. Frankreich müsse deshalb Italien verhindern, gegen Österreich vor-zugehen. Das müsse Italien, für das Frankreich fünfzigtausend Soldatenund sechshundert Millionen geopfert habe, einfach und deutlich verbotenwerden. Preußen müsse gezwungen werden, den Degen wieder einzustecken.Der Rede Thiers' folgte ein Beifallssturm der ganzen Kammer, der Oppo-sition wie der Majorität.
Die Fortsetzung der Debatte wurde nur dadurch verhindert, daß derMinisterpräsident Eugene Rouher ein anscheinend gefälschtes Tele-gramm vorlas, wonach Italien sich offiziell verpflichtet habe, Österreich nicht anzugreifen. Napoleon III. beeilte sich, wenige Tage nach der Redevon Thiers in einer öffentlichen Ansprache zu erklären, daß er mit derMehrheit des französischen Volkes die Verträge von 1815 verabscheue,die Thiers zur einzigen Grundlage der französischen Politik machen wolle.Aus dieser Äußerung sprach nicht nur der Ärger über Thiers, den der Kaiserals seinen persönlichen Feind betrachtete. Auch nicht allein Weltfremdheitund Phantasterei. Napoleon III. hoffte, daß bei einem Kriege zwischen denbeiden deutschen Großmächten Preußen nach seiner voraussichtlichenNiederlage die französische Hilfe mit der Abtretung des Unken Rheinuferserkaufen würde, auf das damals wie heute die französischen Absichten ge-richtet waren.
Die österreichische Politik war so ungeschickt, wie sie 1859 gewesenwar und 1914 wieder sein sollte. Um den Kaiser Napoleon III. bei guter ÖsterreirhsLaune zu erhalten, hatte das Wiener Kabinett ihm versprochen, daß es ZusageItalien, wie auch der Krieg ablaufen möge, Venetien abtreten würde,das nach dem Französisch-Österreichischen Kriege von 1859 bei Österreich geblieben war.
Wie war es möglich, daß unter solchen Umständen die habsburgischeMonarchie, wenn sie schon mit Preußen den Kampf um die Vorherrschaftin Deutschland aufnehmen wollte, nicht alle ihre Kräfte gegen dendeutschen Nebenbuhler konzentrierte, statt ein gutes und starkesösterreichisches Heer mit dem Erzherzog Albrecht, in Oberitalien auf den