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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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NAPOLEON III.

Österreich lehnte das Konferenzprojekt ah. Als der preußische Minister-präsident diese Nachricht erhielt, war gerade der französische BotschafterBenedetti bei ihm. Als Bismarck die Wiener Depesche gelesen hatte,brach er in den Ruf aus:Vive le roi!" Ohne Übertreibung läßt sich sagen,daß Bismarck in den entscheidenden Tagen von 1866 keinen einzigenfalschen Schachzug machte.

Die Fehler der damaligen französischen Politik sind vor allem daraufzurückzuführen, daß Napoleon III. Österreich überschätzte, Preußenunterschätzte. Er wollte den deutschen Dualismus, die deutsche Zerrissenheit und Uneinigkeit aufrechterhalten, Deutschland möglichstschwächen und zu diesem Zweck einen restlosen Sieg sowohl derÖsterreicher wie der Preußen verhindern. Ein österreichischer Sieg erschienihm aber an und für sich als der wahrscheinlichere Fall. Das zu glauben,fällt uns heute schwer. Aber damals dachte die Welt anders. Sie ist ebenmeist oberflächlich, oft gedankenlos, nicht selten einfältig. Österreich zehrte1866 noch von der Erinnerung an seine Zähigkeit in den NapoleonischenKriegen, an seinen glänzenden Sieg bei Novara. Die Preußen hatten beiDüppel und Alsen Tapferkeit bewiesen, aber schließlich nur dem kleinen,weit schwächeren Dänemark gegenüber und dieses im Bunde mit eineranderen Großmacht niedergeworfen. Sowohl bei Bronzell wie in demNeuenburger Streit hatte sich Preußen unsicher und fast ängstlich be-nommen.

Die österreichische Monarchie zählte damals fünfunddreißig Millionen.Sie nahm an Bevölkerungszahl die dritte Stelle unter den ReichenEuropas ein. Preußen hatte kaum neunzehn Millionen Bewohner. Aufösterreichischer Seite standen vier deutsche Königreiche: Bayern undWürttemberg, Sachsen und Hannover, ferner Baden, beide Hessen , Nassau,zusammen fast vierzehn Millionen. Preußen folgten nur, und noch dazumehr der Not gehorchend als dem eigenen Triebe, die Hansestädte, dieThüringer Fürstentümer und Mecklenburg , zusammen etwa anderthalbMillionen. Österreich und seine deutschen Bundesgenossen repräsentiertenfast fünfzig, Preußen mit seinen Parteigängern kaum zwanzig Millionen.Damit die Waage sich nicht zu sehr auf österreichische Seite neige,encouragierte Napoleon III. Italien, auf die Seite Preußens zu treten.Adolphe Thiers , derjenige französische Staatsmann des neunzehntengegen Jahrhunderts, in dem sich vielleicht mehr als in jedem anderen die großenIII. und die gefährlichen Eigenschaften des französischen Volkes verkörperten,sah schärfer als der gleichzeitig phantastische und sentimentale Napoleon III.Die Rede, die er am 3. Mai 1866 im französischen Corps legislatif hielt, isteine der bedeutendsten politischen Reden, die je gehalten wurden. Nichtmit Unrecht haben französische Historiker gesagt, daß aus dieser Rede die