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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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BISA1ARCK GIBT SICH KEINE BLÖSSEN

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durchdrungen von der Richtigkeit der horazischen Warnung: Vis consiliiejcpers mole ruit sua, die nicht von der Vernunft geleitete Kraft bricht insich selbst zusammen. Bismarck ging mit einer Energie vor, wie sie diepreußische Politik seit dem großen König nicht mehr betätigt hatte. Aberer war auch bestrebt, sich alle Vorteile zu sichern, vermeidbaren Gefahrenauszuweichen, ungünstige Zwischenfälle nach Möglichkeit zu verhindern,die öffentliche Meinung der Welt für sich zu gewinnen.

Als Frankreich, England und Rußland eine Konferenz vorschlugen, umden Ausbruch des Krieges in Deutschland zu verhindern, wurden die Pläneund Absichten des preußischen Ministerpräsidenten durch diese Inter-vention natürlich auf das empfindlichste durchkreuzt. Nichtsdestowenigernahm er die Einladung zur Teilnahme an Friedensberatungen inParis mit Empressement an. In einem Rundschreiben an die königlichenVertreter in Paris, London und St. Petersburg erklärte er, Seine Majestätder König von Preußen schließe sich den Gefühlen der drei Höfe von Paris ,London und St. Petersburg an.Sehr gern" nehme er den Vorschlag derdrei Mächte an. Die preußischen Bevollmächtigten in Paris würden sichmit den Vertretern der drei Mächte in Verbindung setzen, um mit ihnen dieverschiedenen Fragen zu besprechen, die in diesem Augenblick den FriedenEuropas bedrohten.

Mit Schaudern und mit Schmerz denkt der Patriot daran, wie verschiedenim Unglückssommer 1914 das Verhalten der damaligen Reichsleitung war.Bismarck wollte 1866 den Krieg, wie ein gewissenhafter Arzt unterUmständen einen chirurgischen Eingriff für nötig hält. Aber seine Taktikwar so umsichtig, so vorsichtig, vor allem so geschickt, daß er sich keineBlößen gab. Im Sommer 1914 wollte die deutsche Regierung gewiß nichtden Krieg, ebensowenig das deutsche Volk. Aber Bethmann und seine Mit-arbeiter operierten so ungeschickt, daß sie uns mit der Schuld am Kriege zu be-lasten schienen. Anders Bismarck 1866. Trotz des Drängens der militärischenInstanzen, obwohl der große Moltke erklärte, der Sieg hänge vom schleu-nigsten Losschlagen ab, bestand Bismarck darauf, die Einladung zu denFriedenskonferenzen in Paris nicht abzulehnen. Von der Bedeutung derArmee für Preußen und Deutschland war niemand mehr durchdrungen alsBismarck. Er hat sich vom ersten bis zum letzten Tage seiner Amtsführungals preußischer Offizier gefühlt. Er hat das treffende und schöne Wort ge-sprochen, daß ohne die Armee das Deutsche Reich weder zu errichtengewesen wäre, noch aufrechtzuerhalten sei. Trotzdem hielt er immer andem Primat der Politik fest, d. h. daran, daß letzten Endes politischeund nicht militärische Erwägungen zu entscheiden hätten. Wer politischrichtig operiert, dem kommen fast immer, das trat auch hier hervor, Fehlerseiner Gegenspieler zugute.