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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DER BROCKEN

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später ein für Bismarck kränkendes, ihn schmähendes und demütigendesHandschreiben richten würde, das dem großen alten Mann die Gemächerder Hofburg verschloß, der hätte dem wahren Sieger von Sadowa die Sieges-freude wohl stark vergällt.

Im Herbst 1866 frug mich Professor Daniel, ob ich schon einmal imHarz gewesen sei. Als ich dies verneinte, meinte er, das müsse ich schnell Reisenachholen, namentlich möge ich den Brocken besteigen.Schon weil Goethe W" r -einen Faust geschrieben hat, muß jeder Deutsche auf den Brocken." Ichfuhr also nach dem Harz , begleitet von meinem Bruder Adolf. Wir sind aufden schönen Straßen, die den Harz durchschneiden, wacker marschiert. Ichhabe nicht die Absicht, nach Goethe und nach Heine eine Harzreise zubeschreiben. Ich will auch nicht die ganze Ode des Grafen Friedrich LeopoldStolberg zitieren, die wir auswendig lernen mußten und in der er daswerteCheruskerland" begrüßt, dem Mutter Natur aus der vergeudeten Urnemännlichen Schmuck verbell. Ich will nur feststellen, daß uns jungenLeuten, die wir den lieblichen Taunus, den Odenwald und den Schwarzwald für die schönsten Gebirge der Welt hielten, auch der Harz einen mächtigenEindruck machte. Selbst an historischem Interesse stand er nicht hinterSüddeutschland zurück. Die Sachsen- und Franken-Kaiser stiegen vor unsauf, als wir die Warten an den Abhängen des Harzes sahen, als wir in Qued-linburg das Grab des ersten Heinrich, als wir in Goslar , der alten Kaiser-stadt, und in Harzburg der mittelalterbchen Geschichte unseres Volkes ge-dachten. Und der Brocken konnte es wohl mit dem Feldberg und selbst mitdem Altkönig aufnehmen. Während wir uns dem Gipfel näherten, wurdenatürlich Faust zitiert:

Seh die Bäume hinter Bäumen,Wie sie schnell vorüberrücken,Und die Klippen, die sich bücken,Und die langen Felsenmassen,Wie sie schnarchen, wie sie blasen!

Angesichts der Gegend von Schierke und Elend, in die Goethe seineWalpurgisnacht verlegt, dachten wir lachend daran, daß ein französischerUbersetzer desFaust " das kürzlich übersetzt hatte mit:Le paysagerespire la friponnerie et la misere." Wir hatten Glück und genossen obeneine herrliche Aussicht. Das Erzgebirge konnten wir freilich nicht erbbcken,das uns ein Leipziger unterwegs in Aussicht gestellt hatte, noch weniger dieNord- und die Ostsee , die ein Berliner gesehen haben wollte. Aber vor unslag Magdeburg, der Thüringer Wald und die Elbe . Außer der Besteigungdes Brockens hatte uns unser Lehrer die Besichtigung der Roßtrappe ansHerz gelegt. Er hielt den Blick, den man, aus dem Walde heraustretend,