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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DIE SCHÖNE SPANIERIN

Baudissin, der sich in seiner Jugend mit der Tochter von Madame de Stael verlobt hatte, die später den Herzog von Broglie heiratete. Die Verlobungmit meinem Onkel wurde aufgelöst, weil beide Teile die Empfindung hatten,nicht für einander zu passen. Noch lieber marschierten wir von Lausanne in der Richtung nach Pully, Lutry, Cully , nach St. Saphorin, dessen Glockenso schön und hell klingen.

Fast jede Woche besuchte ich Vevey , wo meine Tante, die WitweVevey meines Großonkels, des Senators Martin Jenisch , im Hotel des Trois-Cou-ronnes den Winter zu verleben pflegte. Sie hat denn auch viele Jahre späterder Stadt Vevey ein großes Legat hinterlassen, mit dessen Hilfe das MuseeJenisch gegründet wurde. Es enthält wertvolle Gemälde, eine gute BibUo-thek und interessante naturhistorische Sammlungen. Ich finde aber, meinegute Tante hätte besser getan, entweder ihren Geburtsort, Lübeck , oder dieHeimatstadt ihres Mannes, Hamburg , zu bedenken. Im Hotel des Trois-Couronnes war eine elegante, internationale Gesellschaft versammelt, dar-unter viele schöne Frauen. Für die schönste galt, und mit Recht, eineSpanierin, Frau von X., bei deren Anblick man unwillkürHch an das Ge-dicht dachte, das Alfred de Musset seiner andalusischen Freundin widmete:

Vrai Dieu! Lorsque son ceil petilleSous la frange de ses reseaux,Rien que pour toucher sa mantille,De par tous les saints de Castille,On se ferait rompre les os.

Ihr Gatte weilte in Paris . Als von ihr begünstigt galt ein jungerGrieche mit großen, schwarzen, melancholischen Augen. Im Hotel desTrois-Couronnes wurde fast jeden Abend getanzt. Als ich mich wieder ein-mal dort eingefunden hatte, bemerkte ich, daß der brünette Grieche sichviel mit einer blonden Engländerin beschäftigte. Ich sah auch, daß dieschöne Spanierin diesen Flirt mit zornigen Blicken verfolgte. Da ich Frauvon X. wenig kannte, ihr auch nicht den Hof machte, Heß mich der Vor-gang gleichgültig. Ich war daher erstaunt, als sie auf mich zukam und michaufforderte, einen Walzer mit ihr zu tanzen. Nachdem wir uns ein paarmalum den großen Saal gedreht hatten, setzte sie sich mit mir auf eine derBänke und frug nach dem Gang meiner Studien, nach meiner Lektüre. Sieexaminierte mich lebhaft und nicht ohne Geist. Als ich J. J. Rousseau füreinen meiner Lieblingsschriftsteller und dieNouvelle Helolse" mit Feuerfür ein herrliches Buch erklärte, meinte sie lächelnd:Le bosquet de Julien'est pas loin d'ici." Sie frug, ob ich bei ihr eine Tasse Tee trinken wolle,ihr Wagen halte vor der Tür, und ihre Villa sei nicht weit entfernt. Esist klar, daß in diesem Augenblick der Versucher an mich herantrat in der