TRAGISCHER ZWISCHENFALL
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Gestalt einer schönen Frau. Ich hätte standhaft bleiben sollen wie einst inähnlicher Lage der heilige Antonius und wie, sehr viel früher, der keuscheJoseph. Aber nicht jeder ist zum Heiligen auserseben. Es ist schwer, einHeiliger zu werden, sonst würde es ja viel mehr Heilige geben.
Frau von X. war sehr schön, die Versuchung war sehr groß. Ich akzep-tierte die Hebenswürdige Einladung, ich akzeptierte sie sogar sehr gern.Frau von X. nahm meinen Arm und ging auf die Tür zu. Der Hellene, deruns seit einiger Zeit mit offenbarer Erregung beobachtete, näherte sich uns.Ich hörte ihn flüstern: „De gräce! Accordez-moi un instant, ecoutez moi!Je ne vous ai pas trahie. II s'agit d'une distraction, d'une plaisanterie."Sie antwortete nicht. Als wir vor der Hoteltür standen, forderte sie michauf, zuerst in den Wagen einzusteigen. Der Grieche stand neben ihr. Erflüsterte: „Je vous supplie, ayez pitie de moi! Je vous jure: Si vous ne mepardonnez pas, je me tuerai." Sie hatte inzwischen neben mir Platz ge-nommen. Sie Heß die Fensterscheibe des Wagens herab, und jedes Wortakzentuierend erwiderte sie: „Vous etes bien trop lache pour vous tuer.Cocher! Chez moi, et ventre ä terre!"
Als ich am nächsten Vormittag zu Fuß von der Villa nach Vevey zu-rückkehrte, sah ich schon von weitem eine Anzahl Menschen auf dem Kaivor dem Hotel des Trois-Couronnes, die lebhaft gestikulierend mit Fern-rohren und Operngläsern auf den See blickten. Als ich näher kam, hörte ich,daß ein Boot ohne Insassen und ohne Ruder auf den Wellen treibe. AmAbend vorher habe der junge Grieche in später Stunde ein Boot gemietetund sei allein auf den See hinausgefahren. Er sei nicht zurückgekehrt.Eine Stunde später verbreitete sich die Nachricht, daß die Leiche desArmen bei St. Saphorin ans Ufer getrieben worden sei. Er hatte den Toddes Leander gefunden, aber unglücklicher als dieser, denn seine Heroweinte nicht um ihn.
Während das traurige Ereignis nach allen Seiten erörtert wurde, nähertesich meine schöne Freundin. Ich ging ihr entgegen, um sie schonend auf denTrauerfall vorzubereiten. Sie verlor nicht eine Minute ihre Haltung, dieRuhe einer Marmorstatue, eine Ruhe, welche die Schönheit ihrer junoni-schen Gestalt noch mehr hervortreten Heß. „Je lui ai toujours dit qu'iln'avait pas le pied marin", meinte sie gleichmütig. Das tragische Ereignisschien auf alle einen stärkeren Eindruck zu machen als auf die schöne Frau,die mich während der Nacht beherbergt hatte. Von verschiedenen Seitenwurde angeregt, am Abend die übbche Sauterie ausfallen zu lassen. Siewidersetzte sich diesem Vorschlag. Sie meinte: „Cela me semble bien exa-gere. Apres tout, nous ne sommes ni apparentes avec ce jeune etourdi, niautrement lies avec lui. Dansons comme toujours!" Sie nahm abends amTanze teil mit dem Gleichmut, mit dem sie in der spanischen Arena