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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DIALEKTIK

Mein Vater litt noch schwerer unter dieser Prüfung als meine Mutter.Bei dieser Überweg der felsenfeste Glaube, daß ihr Kind es im Himmelbesser habe als auf dieser armen Erde. Jedes Hadern mit der Vorsehungerschien ihr als Sünde.Herr, dein Wille geschehe!" Sie hielt sich aberseitdem jeder größeren Geselligkeit fern. Mein Vater hat diesen Schmerzniemals überwunden. Ich bin überzeugt, daß er während der neun Jahre,die zwischen dem Tode meiner Schwester und seinem eigenen Tode lagen,jeden Tag an sie gedacht, sich jeden Tag nach ihr gesehnt hat, auch währendseiner sechsjährigen Tätigkeit an der Spitze des Auswärtigen Amtes, nebenBismarck. Ich bin überzeugt, daß er, als er starb, sein liebes Töchterchenvor sich sah, wie sie ihm entgegenkommt, den kleinen Waldemar ander Hand.

Wie ich in Lausanne nur Professor Gay, in Leipzig nur Wilhelm Roscher Gneist gehört hatte, so befolgte ich auch in Berlin den Rat des Mephistopheles:Am besten ist's, wenn ihr nur einen hört." Aber der eine, den ich hörte,Professor Gneist, war nicht der Mann, der verlangt hätte, daß seineSchüler auf jedes Wort des Meisters schwören sollten. Dazu war RudolfGneist zu vielseitig, zu beweglich, vielleicht auch zu skeptisch. Erhatte während der Konfliktzeit dem Ministerium Bismarck die schärfsteOpposition gemacht; später wurde Gneist dem großen Mann eine eifrigeund brauchbare parlamentarische Stütze und entwickelte sich immer mehrzu einem begeisterten Verteidiger der staatlichen Hoheitsrechte, zu einemstrengen Monarchisten und Unitarier. Es war vor allem seine scharfsinnigeDialektik, die mich anzog.

Der BerlinerKladderadatsch" meinte einmal während meiner Minister-zeit: Für die Verteidigung des Satzes, daß zwei mal zwei fünf mache, wissejeder bessere Jesuit einen Beweis, Miquel zwei und Bülow drei Beweise zuhefern. Ich möchte meinen, daß wie die oratorische Begabung, der Schwungdes Redners, so auch die dialektische Gewandtheit, die Eristik, demMenschen angeboren ist. Als ich nach meinem Rücktritt in dem hand-schriftlichen Nachlaß von Arthur Schopenhauer die mir bis dahin unbekannteköstliche Abhandlung über Eristik las, hatte ich die Empfindung, welcherderBourgeois Gentilhomme" bei Moliere Ausdruck gibt. Dem setzt seinLehrer der Philosophie den Unterschied zwischen Prosa und Versen aus-einander. Der Bourgeois Gentilhomme frägt:Et comme l'on parle, qu'est-ce que c'est donc que cela?" Der Philosoph antwortet:De la prose." DerBourgeois Gentilhomme, M. Jourdain, frägt weiter:Quoi! Quand je dis:Nicole, apportez-moi mes pantoufles, et donnez mon bonnet de nuit, c'estde la prose ?" Der Lehrer wiederholt:Oui, Monsieur." Darauf der biedereM. Jourdain:Par ma foi, il y a plus de quarante ans que je dis de la prosesans que j'en süsse rien." Was Schopenhauer über die Kunstgriffe der