FRÜHJAHR 1870
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Erweiterung und Verallgemeinerung der gegnerischen Behauptung, dieversteckte Petitio principii, das Ausfragen des Gegners, das Urgieren derschwachen Punkte in seinen Ausführungen, üher das Argumentum exconcessis, die Mutatio controversiae, die Retorsio argumenti , das Ar-gumentum ab utili, das Argumentum ad auditores, das Argumentum adverecundiam, das Argumentum ad personam empfiehlt, das alles hatte ichschon längst aus eigenem Antrieb gelegentlich in der Debatte angewandt.Ich war also, um mit Jourdain zu sprechen, ein Eristiker, ohne es zu wissen.Ich habe aber auch den von dem Frankfurter Philosophen zustimmendzitierten Ausspruch von Voltaire nicht vergessen: „La paix vaut encoremieux que la verite." Der deutsche Politiker, der zu Doktrinarismus, zuparteipolitischer Verbissenheit, zu Selbstsucht und Selbstüberschätzungneigt, kann nicht oft genug daran erinnert werden, daß der innere Friededes Landes, die Verträglichkeit unter den Bewohnern desselben Hauses,die Versöhnlichkeit unter den Kindern derselben Mutter in erster Linieangestrebt werden muß. Für diejenigen meiner lieben Landsleute, die trotzBismarck und Goethe die Politik noch immer als einen Zweig der Moral-philosophie betrachten, bemerke ich endlich, daß ohne eine gewisse DosisDialektik kein Redner in der parlamentarischen Debatte überzeugend wirkt.
Im Frühjahr 1870 schien sich mein Halsleiden zu verschlimmern, ob-gleich ich im Sommer 1869 dagegen eine Kur in dem oberbayrischen Bade OeynhausenKreuth gebraucht hatte. Die Berliner Ärzte rieten zu einer neuen Kur indem westfälischen Bad Oeynhausen , wo ich bei Dr. Cohn Wohnung nahm,einem tüchtigen und liebenswürdigen Arzt, an den mich der großeDiagnostiker und Pathologe Ludwig Traube empfohlen hatte. Als ich michvor meiner Abreise von Berlin , Ende Juni 1870, von meinem Vaterverabschiedete, fand ich ihn in sehr melanchobscher Stimmung. Zu demVerlust seiner einzigen, so zärtbch geliebten Tochter kam, daß sich beiseinem vierten Sohn, Christian, ohne erkennbaren Anlaß ein Augenleideneingestellt hatte, das meinen Vater mit ernster Sorge erfüllte. Der damalskaum fünfzehnjährige Knabe mußte sich nicht nur schmerzlichen Ein-spritzungen unterziehen, sondern viele Monate in einem dunklen Zimmerverbringen, wodurch seine Studien empfindlich gestört wurden. Die neuesteOphthalmologie hat übrigens diese Methode vollständig aufgegeben. Dervortreffliche Hauslehrer meines Bruders Christian, der sich später als Konsulin Nisch bewährte, der dort allzufrüh verstorbene Dr. Emil Oberg, brachte esdank der geistigen Energie seines Zöglings und dessen gutem Gedächtnisfertig, ihn durch mündliche Vorträge bis zur Stufe der Sekunda zu bringen.Christian hat später die Ritterakademie in Brandenburg a. H. besucht, dortein gutes Abiturienten-Examen abgelegt und ist ein tüchtiger Offizier beiden 2. Garde-Dragonern geworden, dem tapferen Regiment, bei dem schon