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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DEM FRIEDEN DROHT KEINE GEFAHR

sein Bruder Adolf gestanden hatte. Aber im Sommer 1870 erschien seinFall fast hoffnungslos. Um das Maß der auf meinem Vater lastenden Sorgenvollzumachen, hatte sich mein jüngster Bruder, Fritz, eine schlimmeVerletzung des Rückgrats zugezogen. Der zarte Kleine ging einer langenLiegekur entgegen.

Die politische Lage, insbesondere die auswärtige Lage betrachtete meinVater mit Ruhe. Er erzählte mir, der Unterstaatssekretär im AuswärtigenAmt , Herr von Thile, habe dem österreichisch-ungarischen Geschäftsträger,Baron Münch, unserm alten Frankfurter Bekannten, den ich sieben Jahrespäter in Athen wiedertreffen sollte, gesagt, daß in der politischen Welttiefe Ruhe" herrsche und daß sich infolgedessen die auswärtigen Ver-treter fast alle aus Berlin entfernt hätten. Auch er, der Unterstaatssekretär,gedenke bald seine gewohnte Kur in Marienbad anzutreten. In derfranzösischen Presse stand zu lesen, daß der französische MinisterpräsidentErklärungen Ollivier im Corps legislatif geäußert habe, zu keiner Zeit sei dieOlliviers Aufrechterhaltung des Friedens gesicherter gewesen. Wohin man auchblicke, nirgends könne man eine Frage entdecken, die Gefahr in sich berge.Überall hätten die Kabinette begriffen, daß die Achtung vor den Verträgensich jedermann aufdränge, vor allem die Achtung vor den beiden Verträgen,auf denen der europäische Friede ruhe: vor dem Pariser Vertrag von 1856,der für den Orient, und vor dem Prager Vertrag, der für Deutschland denFrieden sichere.

Die Herren, mit denen ich in Oeynhausen an der Table d'hote zusammenspeiste, die damals noch nicht durch Einzeltische ersetzt worden war unddie mich in ihrer altväterischen Feierlichkeit, wenigstens in der Rück-erinnerung, ebenso sympathisch anmutet wie die Francaise und der Walzerim Ballsaal und die goldenen Tabatieren der älteren Herren, waren darübereinig, daß dem Frieden keine Gefahr drohe. König Wilhelm sei gewissenhaftund hochbejahrt. Kaiser Napoleon laboriere an Nierensteinen.Lui", sowurde Napoleon III. unter Anspielung auf seinen NamenLouis" scherzhaftgenannt, wolle von nun an streng konstitutionell regieren, zu welchemZweck er sich einen aufgeklärten und tugendhaften Ministerpräsidenten,den liberalen Parlamentarier Emile Ollivier , ausgesucht habe. Weder dereine noch der andere der beiden Souveräne würde es auf einen Krieg an-kommen lassen. Darin stimmten der frühere preußische Gesandte inDresden , Herr von der Schulenburg, der baumlange Major von den4. Kürassieren, Herr von Rosenberg, der Ulanenrittmeister von Willich undein liebenswürdiger Kölner Patrizier, Herr von Grote, übercin.UnsereGeneration sieht keinen Krieg mehr", diese Ansicht, der ich schon in Berlin begegnet war, herrschte auch in unserem kleinen Kreise in Bad Oeynhausen .So sprachen sich auch die wenigen Fremden aus, die sich dort aufhielten: