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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DER WELFENTISCH

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meine alte Sehnsucht nach dem Rhein . Ich entschied mich nach kurzemBesinnen für Bonn . Dann ging ich zu meinem Wirt und Arzt, Dr. Cohn.Er sagte mir:Sie sind kräftig und wohlgebaut, elastisch und zäh, an undfür sich jeder Anstrengung gewachsen, aber Ihr Halsleiden!" Als ich ihmerwiderte, daß ich das Risiko tragen wolle, meinte er:Wenn Sie beimMilitär eintreten, werden Sie zunächst der Ersatzschwadron überwiesenund bei ihr Garnisondienst tun. Ich nehme an, daß Sie schon in Bonn baldeine akute Halsentzündung bekommen werden. Ziemlich sicher ist, daß Sie,wenn Sie mit den anderen Kriegsfreiwilligen dem Regiment nachrücken,im Felde von einer solchen befallen werden. Wollen Sie es wirklich daraufankommen lassen?! Nun, dann los! Sie haben in diesem Falle für immerdas Bewußtsein, Ihre Pflicht gegen das Vaterland erfüllt zu haben. Anderer-seits würde Sie bis an Ihr Lebensende der Gedanke quälen, diesen großenKrieg nicht mitgemacht zu haben." Ich bewahre diesem gütigen Arzt, dernicht nur mein Halsleiden, sondern auch meinen Seelenzustand in Betrachtzog, ein dankbares Andenken.

Seitdem alle Zeichen darauf hindeuteten, daß unser Herrgott die Ab-sicht habe, den Kriegsmantel blutigrot aus den Wolken herauszuhängen, Stimmungenhatte sich das Aussehen von Bad Oeynhausen erheblich verändert. Die inOeynliausmwackeren Offiziere an unserer Table d'hote strichen den Schnurrbart undsahen erwartungsvoll und freudig dem Kriege entgegen.Wenn der Königläßt reiten, so freut sich jedermann", hatte es schon 1866 geheißen. Diegroße Mehrheit der Badegäste dachte ebenso. Auch in der Bevölkerung vonOeynhausen herrschte ein patriotischer Geist. Eine Ausnahme machte nureine kleine Gesellschaft weifisch gesinnter Hannoveraner, die sich, seit dieMöglichkeit eines deutsch - französischen Krieges näherrückte, von derTable d'hote abgesondert hatten, an einem besonderen Tische aßen, auf-geregte Blicke und Worte untereinander austauschten und gelegentlich mitden Gläsern in einer Weise anstießen, die, wie der alles beobachtendeGesandte von der Schulenburg meinte, nicht auf loyale Gesinnung schließenließe. Der Lauteste unter diesen Weifen war ein Herr Albert Beckmann ,den ich neun Jahre später unter wesentlich anderen Umständen wieder-sehen sollte. Im Juli 1870 war Beckmann noch ein weifischer Agent, der seinUnwesen nicht nur in Deutschland trieb, sondern auch in Paris , wo ersogar eine Zeitlang als Redaktionssekretär einer großen französischenZeitung fungierte. Beckmann Keß sich ebenso wie sein Gesinnungsgenosse,der damalige hannoversche Regierungsrat Oskar Meding , der später unterdem Pseudonym Gregor Samarowviel gelesene Zeitromane schrieb, baldnach Ausbruch des Deutsch -Französischen Krieges von dem polizeilichenVertrauensmann des Bundeskanzlers, dem Geheimrat Stieber, gewinnenund wurde nach dem Friedensschluß der Kaiserlichen Botschaft in Paris