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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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AUF DEM RHEIN

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machten, so weiß ich auch, wieviel ich dem hraven Wachtmeister derBonner Ersatzschwadron schulde, der den jungen Rekruten mit väterlichemWohlwollen überwachte, leitete und anlernte. Der Wachtmeister Wunder-lich war ein Prachtexemplar unseres alten prächtigen Unteroffizierstandes.Wenn er mit gewichstem Schnurrbart und strengem Blick, nie in bummeligerHaltung, immer stramm, niemals familiär oder jokos, stets gravitätisch,eine dicke Brieftasche in der Hand, vor mir stand, so empfand ich einenRespekt, wie ihn mir in meiner dienstlichen Laufbahn kein anderer Vor-gesetzter eingeflößt hat, rler einzige Bismarck ausgenommen. Ich habe nieWallensteins Lager" gelesen oder auf der Bühne gesehen, ohne bei dervon Schiller genial gezeichneten Figur des Wachtmeisters an den altenWunderlich im Sommer 1870 zu denken.

Wer nichts waget, der darf nichts hoffen.

Es treibt sich der Bürgersmann trag und dumm

Wie des Färbers Gaul nur im Ring herum.

Aus dem Soldaten kann alles werden,

Denn Krieg ist jetzt die Losung auf Erden.

Wachtmeister Wunderlich sprach nicht in schönen Versen wie Schiller,aber er dachte ähnlich. Er mochte fühlen, wie hohe Achtung mich vor ihmerfüllte, denn er zeigte mir bald ein unverkennbares Wohlwollen. Dasbewies er mir, als er mir nach achttägigem Stalldienst riet, mir ein eigenesPferd anzuschaffen. Ich ritte nicht übel. Auf einem eigenen Pferde werdedas noch mehr hervortreten. Ich hätte, wie er hoffe, mein Zivil endgültigan den Nagel gehängt, ich müsse Husar werden, Königshusar: Avantageur,Portepeefähnrich, Leutnant, dann stünde ich auf der Leiter zur höchstenMacht. Solcher Aufstieg würde mir durch ein eigenes Pferd erheblicherleichtert werden. In Deutz, in der Kaserne der 8. Kürassiere, sei, wie erhöre, bei dem Herrn Rittmeister von Marees ein Pferd zu haben.

Am nächsten Tage machte ich mich nach Köln auf den Weg. Natürlichfuhr ich mit dem Dampfschiff, denn am schönen Rhein eine Eisenbahn zubenutzen, erschien mir prosaisch. Es war ein sehr heißer Augusttag. Ichwar um vier Uhr morgens aufgestanden. Ich hatte lange Pferde gestriegelt,dann Stechschritt geübt, dann Säbel gefochten und mich zum Schluß aneinem allzu lang ausgedehnten Frühschoppen im Hotel Royal mitKameraden beteiligt. An Bord des Rheindampfers schlief ich bald auf einemStuhle ein.

Wie lange ich geschlafen habe, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, daß,als ich aufwachte, zwei schöne Augen auf mich gerichtet waren. Diese EpisodeAugen gehörten einem anmutigen Mädchen, das dezent und mit Geschmackgekleidet war. Die Figur war voll und dabei graziös, das ganze Persönchen