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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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THALIENS JÜNGERIN

zum Anbeißen. Mit dem Ausdruck innigen Mitleids blickte sie auf mich.Sie armes Kind", seufzte sie,müssen Sie wirklich schon in den Krieg?"Erläuternd muß ich hierzu bemerken, daß ich, obwohl ich drei Monatevorher einundzwanzig Jahre alt geworden war, noch so jung aussah, daßman mich meist auf achtzehn, bisweilen auf siebzehn Jahre schätzte. Ichhörte das aber nicht gern. Der nie zufriedene Mensch möchte in seinerJugend älter, in seinem Alter j ünger erscheinen. So erwiderte ich in pikiertemTon, noch halb verschlafen:Ich bin kein Kind. Ich bin ein Mann und einHusar, und ich will in den Krieg!" Inzwischen war ich ganz wach ge-worden. Und da die junge Dame wirklich sehr nett aussah, führte ich dasGespräch mit ihr, die mein Ärger ungemein zu belustigen schien, in freund-licherem Tone fort.

Wir suchten uns auf dem schwach besetzten Schiff eine Bank, wowir ungestört plaudern konnten. Ich sagte ihr, woher ich käm' der Fahrtund wie mein Nam' und Art. Sie erzählte mir, daß sie eine Jüngerinder Thalia sei, eine Schauspielerin. Sie war an süddeutschen Bühnen alsNaive aufgetreten, nicht ohne Erfolg. Nun fuhr sie über Köln nach Berlin ,wohin sie ein Engagement angenommen hatte. Sie sollte am nächstenAbend dort eintreffen und am darauffolgenden zum erstenmal auftreten.

Sie schwätzte anmutig und unschuldig wie eine junge Schwalbe, die aufdem Dachfirst zwitschert. Sie vertraute mir noch mehr an. Das schöne Kindhatte trotz seiner Jugend schon einen Roman hinter sich, einen schmerz-lichen Roman. Sie war während eines Jahres die Freundin eines Prinzengewesen, der sich von ihr hatte trennen müssen, als sein gestrenger Vaterihn zu einer standesgemäßen Heirat mit einer häßlichen, aber ebenbürtigenPrinzessin zwang. Die Wunde, die diese Untreue dem Herzen der armenNaiven geschlagen hatte, war noch nicht vernarbt. Ich beeilte mich, ihrauseinanderzusetzen, daß eine unglückliche Liebe homöopathisch behandeltwerden müsse, nach den Grundsätzen des Herrn Professor Hahnemann,dessen Denkmal ich vor nicht langer Zeit auf dem Theaterplatz in Leipzig bewundert hätte:Similia Similibus!" Nur eine neue Liebe könne Heilungbringen. Lateinisch verstand sie nicht, aber den Sinn meiner Ausführungenschien sie zu begreifen.

Als der Tag sank, trafen wir in Köln ein. In einem kleinen Restaurantaßen wir zu Abend, im Freien, mit dem Blick auf den Rhein . Wie sie sichdas frugale Abendessen schmecken ließ, ein Kotelett mit Bratkartoffeln,wie sie aus einem grünen Glase billigen Josefshöfer nippte, das war nunzum Entzücken gar. Nach dem Abendbrot promenierten wir Arm in Armam Rhein und auf dem Platz vor demewigen Dom", während der Mondam Himmel emporstieg und der hebe Gott nach und nach seine Sterne an-zündete. Wir kehrten dann in ein Hotel ein, dessen ich mich aus meiner