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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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AUBURN HAIR"

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Kindheit erinnerte, weil ich mit meinen Eltern auf der Reise nach Blanken-berghe dort abgestiegen war. An der Tür empfingen uns der Oberkellnerund ein Stubenmädchen, die uns offenbar für ein jungverheiratetes Ehepaarhielten. Der Oberkellner, dem ich mit Aplomb erklärte, unser großes Gepäckwerde am nächsten Tage eintreffen, führte uns in ein geräumiges Schlaf-zimmer, in dem ein großes Himmelbett stand. Das Stubenmädchenflüsterte meiner errötenden Begleiterin zu:Gnädige Frau werden sich hiersehr wohl fühlen. Hier haben schon viele Neuvermählte ihre Hochzeitsnachtgefeiert." Stubenmädchen und Kellner zogen sich diskret zurück, wirstanden uns allein gegenüber.

Meine Reisegefährtin erschien mir noch liebenswürdiger als am Vor-mittag auf dem Rheindampfer. Ich hatte sofort bemerkt, daß sie kleineund hübsche Füßchen und lange, feine Hände hatte. Sie hatte auch blaue,ausdrucksvolle Augen und ein reizendes Stumpfnäschen. Ihr Haar warkastanienbraun, ,,auburn hair", wie die Engländer es nennen. Das Lächeln,das um ihren Mund spielte, der Blick ihrer Augen ließen mich hoffen, daßich ihr nicht ganz unsympathisch wäre. Faust sagt zu Gretchen:Ach,kann ich nie ein Stündchen ruhig dir am Busen hängen und Brust an Brustund Seel' an Seele drängen?" Das arme Gretchen erwidert:Ach, wennich nur alleine schliefe! Ich Ueß' dir gern heut nacht den Riegel offen. Dochmeine Mutter . . ." Zwischen mir und meiner kleinen Freundin stand keinestörende Mutter.

Der Morgen, wo es Abschied nehmen hieß, war sehr traurig. Nacheiner letzten, stürmischen und nach einer allerletzten, noch stürmischerenUmarmung brachte ich meine kleine Gefährtin auf die Bahn. Aus demEckfenster des Abteils, in dem sie Platz nahm, rief sie mir zu:Ver-giß mich nicht, ich werde dich nie, nie vergessen!" Das Publikumlachte. Wie roh sind doch die Menschen, wie verständnislos für hohe undwahrhaft edle Empfindungen, dachten wir beide. Sie Heß sich aber nichtirre machen, warf mir unbekümmert um dasprofanum vulgus" ein Kuß-händchen nach dem andern zu und flüsterte, während der Zug sich langsamin Bewegung setzte, schelmisch:Du bist wirklich kein Kind, wie ich aufdem Dampfschiff zu dir sagte. Du bist ein Mann, ein reizender Mannund . . ." Ihre letzten Worte aus dem abfahrenden Zug erreichten mich nichtmehr. Bald entschwand ihr liebes Köpfchen, dem meine sehnsüchtigenBlicke folgten.

Lange, sehr lange habe ich nichts von meiner kleinen Kölner Freundingehört. Erst nach siebenunddreißig Jahren, longum spatium aevi, nach denglücklichen Reichstagswahlen von 1907, erhielt ich ein Lebenszeichen vonihr. Sie müsse mir gratulieren, schrieb sie in einem hübsch tourniertenBriefchen, und wolle mir gleichzeitig sagen, mit welchem Anteil sie meinen