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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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GRETE

Aufstieg verfolgt habe. Sie hatte, wie sie weiter erzählte, einige Jahre nachunserer Kölner Begegnung dem Theater Valet gesagt, um einen älterenMann, einen treß'lichen Mann zu heiraten, einen angesehenen und wohl-habenden Bankier. Ihr Mann trage sie auf Händen, sie habe es gut bei ihm.Nicht ohne Humor fügte sie hinzu, daß ihr Gatte ein unentwegter Anhängerdes Kanzlers Bülow sei. Schon vor der Reichstagsauflösung habe er fürdessen Pob'tik geschwärmt. Jetzt habe er sich aus Freude über den großenWahlsiegseines" Reichskanzlers auf der Ressource einen kleinen Schwipsgeholt. So können, wenn günstige Sterne walten und nicht allzu vieleDummheiten gemacht werden, sich schließlich auch anscheinende Disso-nanzen in Harmonie auflösen, die nach Leibniz Zweck und Sinn des Welt-prozesses ist.

Während die liebe Kleine der Hauptstadt Preußens zurollte, suchte ichIn Deutz den Rittmeister von Marees in Deutz auf. Er ließ mir sogleich eine schöne,hellbraune, gängige Stute mit Stern und weißen Fesseln vorführen, die ermir zu einem annehmbaren Preise überließ, nachdem ich sie auf dem Zirkelausprobiert und auch eine Barriere mit ihr gesprungen hatte. Die braveStute hat mich von Metz bis Amiens und Rouen , sie hat mich auf schwie-rigen Ordonnanzritten und gefährlichen Patrouillen, sie hat mich in denSchlachten von Amiens, an der HaJlue, bei Bapaume , Tertry-Porcilly,Saint-Quentin getragen. Ich taufte sieGrete". Meine Kölner Freundin hießMargarete, wie zwei Heilige, zwei Statthalterinnen der Niederlande , dreioder vier Königinnen, ungezählte Fürstinnen, Gräfinnen und Freifrauen.Ich nannte sie im Tete-ä-tete Gretchen, womit sie sich einverstandenerklärte, zumal ich mich darauf berufen konnte, daß Faust sein Gretchenmit dem Ausruf begrüßt habe, in den ich einstimme:Beim Himmel,dieses Kind ist schön!"

Der Rittmeister von Marees rückte im Spätherbst seinem Regiment umdieselbe Zeit nach, wo ich zu dem meinigen stieß. Er sollte nicht aus demKriege zurückkehren. Er fiel nicht weit von mir, bei Bapaume , wo die8. Kürassiere gleichzeitig mit den 7. Husaren eingesetzt wurden. DerRittmeister von Marees war ein Verwandter des berühmten Malers Hansvon Marees, von dem ich im Aquarium in Neapel die schönen Freskengesehen habe.

Von Deutz ritt ich die Grete noch am selben Nachmittag in flotter Gang-Auf dem art nach Bonn und am nächsten Vormittag im Zug. Das Exerzieren auf demBonner Sand", so hieß der eine kleine halbe Stunde von der Kaserne entfernteExerzierplatz Exerzierplatz, gefiel mir noch besser als der Stalldienst. Ich ritt im erstenZug, der Portepeefähnrich von dem Knesebeck war mein Zugführer. Er hatmich später bisweilen scherzend daran erinnert, daß ich damals vor ihmstrammstehen mußte. Ich lernte Richtung halten und Fühlung nehmen,