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OHNE ALLIANZEN
stellen, jede andere Rücksicht der österreichischen Politik opferte. Nur des-halb wurden den Magyaren Hals über Kopf alle Forderungen bewilligt, diesie seit langem vergeblich erhoben hatten. Aus dem alten österreichischenGesamtstaat des Kaisers Ferdinand und der Kaiserin Maria Theresia , desFürsten Wenzel Kaunitz und des Fürsten Klemens Metternich wurde dieösterreichisch-ungarische Monarchie, ein schwerfälliges und ungefüges Ge-bilde, dessen beide Hälften, Zisleithanien und Transleithanien, sich oftgegenseitig lähmten und die bisweilen offen und laut miteinander haderten.Immerhin war 1870 die habsburgische Monarchie, war „Altösterreich anEhren und an Siegen reich" noch eine Großmacht, war die auf den Schlacht-feldern der Lombardei mit Blut besiegelte französisch-italienische Freund-schaft noch lange nicht erstorben.
Während also Frankreich berechtigt war, im Kriegsfall bei den leitendenPreußen österreichischen Kreisen auf bereitwilligen und sofortigen Anschluß, inund Italien Italien mindestens auf eine für Frankreich sehr wohlwollende Neutralität,vielleicht sogar auf spätere Kooperation zu rechnen, stand der von Preußen begründete Norddeutsche Bund allein, ohne jede außerdeutsche Allianz.Mit Italien hatte Preußen im April 1866 nur eine auf drei Monate befristeteÜbereinkunft für den Fall geschlossen, daß Österreich mit Preußen über dieReform der deutschen Bundesverfassung, mit Italien wegen der Österreich unterworfenen italienischen Gebiete in Krieg geraten sollte. Bei diesem An-laß hatte König Wilhelm dem itabenischen Unterhändler, dem GeneralGovone, ausdrücklich erklärt, er wisse, daß nichts die Bande lösen könne,die Itaüen mit Frankreich vereinigten. Der Ausgang des Krieges von 1866hatte nicht zu einer dauernden Festigung der Beziehungen zwischen denWaffengefährten von 1866, sondern eher zu einer Entfremdung geführt.Sie fand schon 1866 ihren Ausdruck in gereizten Auseinandersetzungen überdie vom preußischen Gesandten in Florenz , Graf Guido Usedom, am17. Juni 1866 an den damaligen itabenischen Ministerpräsidenten, denGeneral Alfonso Lamarmora , gerichtete Note, die zwei Jahre später, als siebekannt wurde, von Bismarck schroff desavouiert wurde. In dieser Notehatte der preußische Vertreter den italienischen Ministerpräsidenten er-mahnt, die Offensive gegen Österreich bis auf das Äußerste, d. h. bis unterdie Mauern von Wien , zu treiben, die österreichische Macht müsse „insHerz" getroffen werden, das Kriegssystem, welches Preußen für den bevor-stehenden Krieg vorschlage, sei das eines gründlichen Krieges (guerre äfond). Die Desavouierung des Usedomschen Exzitatoriums durch die Ber -bner leitende Stelle hatte die durch dieses Schriftstück in Wien neuerdingshervorgerufene Erbitterung nicht besänftigt, in Itaben Mißfallen und Miß-trauen hervorgerufen.
Zwischen uns und England bestand 1870 keinerlei Reibungsfläche. Die