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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DOWNING STREET UND WILHELMSTRASSE

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englische Suprematie in Industrie, Handel und Schiffahrt war unbestritten, Englands an den Bau von Kriegsschiffen dachte bei uns kein Mensch. Die Königin Politikvon England war, was sie bis an ihr Lebensende gebheben ist, dem Deutsch-tum und den Deutschen wohlgesinnt, dagegen zogen ihren ältesten Sohn,den damals noch nicht dreißigjährigen Prinzen von Wales , den nachmaligenKönig Eduard VIL, Neigung und Herz weit mehr nach Paris als nachBerlin. Seine in England durch Takt und Anmut rasch populär gewordeneGemahlin Alexandra war als dänische Prinzessin seit Düppel und Alsenausgesprochen preußenfeindlich. Alles in allem erschien Deutschland denmeisten Engländern politisch als Quantite negligeable, als ein Staat, dernur den Gelehrten interessierte, auf den aber der englische Politiker mitGleichgültigkeit, hier und da mit Spott, bisweilen mit verletzendem Hoch-mut blickte. Mit Frankreich hatte England im Laufe der Jahrhundertewiederholt in langen und schweren Kriegen um die Weltherrschaft ge-rungen, dann wieder hatte zwischen beiden Ländern ein freundschaftlichesVerhältnis bestanden, das schon in den Tagen des Bürgerkönigs LouisPhilippe, noch mehr während des Second Empire alsEntente cordiale "bezeichnet worden war, und im Krimkriege hatten Engländer und Fran-zosen Schulter an Schulter gefochten. Es war anzunehmen, daß die Haltungder englischen Regierung gegenüber einem deutsch -französischen Kriegevon dem militärischen Gang der Ereignisse, aber auch von der diploma-tischen Geschicklichkeit der Belligerenten abhängen würde. Wenn die höfi-schen Beziehungen, die Berlin und London verbanden, schon wegen dernahen Verwandtschaft intimer w r aren als die des Hauses Hannover-Koburgzu der Familie Bonaparte, so war das diplomatische Verhältnis zwischendem Quai d'Orsay und Downing Street fester fundiert als zwischenDowning Street und der Wilhelmstraße.

Der Angelpunkt seiner Politik war für Bismarck seit seinem Amtsantrittdas Verhältnis zu Rußland . Nicht aus Gründen persönlicher Sympathie Bismarckoder Antipathie. Ich will damit nicht bestreiten, daß das alte, autokratisch u "d Rußlandregierte zaristische Rußland Bismarck im Grunde kongenialer war als dasparlamentarische England . Es ging ihm in dieser Beziehung umgekehrt wieden meisten deutschen Intellektuellen. Entscheidend war für Bismarck nurdie Erwägung, daß die Auseinandersetzung mit Österreich über dieVorherrschaft in Deutschland und die daraus hervorgehende EinigungDeutschlands gegenüber einem eventuellen französischen Widerspruchnicht durchzuführen waren ohne wohlwollende Rückendeckung durch Ruß-land . Die Konvention, die Bismarck am 18. Februar 1863, wenige Monatenach seiner Ernennung, mit der russischen Regierung über ein gemeinsamesHandeln gegenüber der polnischen Insurrektion abgeschlossen hatte,wurde für ihn das Sprungbrett für alle seine weiteren Erfolge. Es ist für